„Zwischen Wald, Wind und Weite finde ich, was in keinem Kalender steht: Zeit.“

 

 

25.07: 

1 Woche vor Abreise 

 

Es ist nun meine dritte große Radreise. 

Und trotzdem fühlt es sich dieses Jahr wie ein erster Schritt an.

Nicht, weil ich unerfahren wäre – sondern weil ich anders losfahre. Ruhiger.  Mit einem Gefühl von Vertrauen, das ich früher nicht kannte.

Beim ersten Mal, vor zwei Jahren, war alles neu. Ich bin einfach los – ohne zu wissen, was auf mich wartet.  Zu viel Gepäck, zu wenig Ahnung, zu viele Pannen und mehr Regen, als ein Mensch ertragen sollte. 

Im ersten Moment wusste ich oft nicht, wie ich alles alleine schaffen soll. Habe jeden Tag einfach weitergemacht. Vielleicht, weil ich spüren wollte, wie es ist, allein unterwegs zu sein. Vielleicht, weil ich mir selbst etwas beweisen wollte.Oder einfach, weil ich es nicht besser wusste.

Die zweite Reise im vergangenen Jahr war äußerlich leichter – besser vorbereitet, das Equipment dem Wetter vorm Vorjahr angepasst und dann als Entschädigung von viel Sonne begleitet.  Aber innerlich war es die schwerste.

Ich hatte etwas mit im Gepäck, das nicht in Taschen passt. Eine Schwere, die sich nicht ablegen ließ. Und so wurde das Fahren, das Alleinsein zu einer Reise des Verarbeitens, aber vor allem auch der Erinnerungen. Kilometer für Kilometer habe ich versucht, zu verstehen, loszulassen, zu tragen.

Und jetzt? Ein weiteres Jahr später? 

Ich packe nicht mehr perfekt. Ich kontrolliere nicht jedes Detail. Und zum ersten Mal stört mich das nicht. Mein Kopf fragt nicht. Mein Herz zweifelt nicht.

Ich muss nichts mehr beweisen. Ich muss nur fahren.

Mittelschweden – ich komme.

Mit leichtem Gepäck, einem freien Herzen – und diesem tiefen Gefühl:

Es wird gut. So, wie es ist.

Und vielleicht ist genau das die schönste Art, aufzubrechen: Wenn nichts mehr drängt – außer die Lust, unterwegs zu sein.

 

 

 

1.8: Anreise & erste Zweifel

 

Der Tag beginnt früh. Sehr früh.

 Seit gefühlt 10 Jahren klingelt tatsächlich mal wieder der Wecker. Aber 2:30 Uhr versagt selbst meine innere Uhr. 

Die Anreise nach Kiel verläuft zum Glück reibungslos. Zumindest auf der Straße. Das Wetter macht sein eigenes Ding.

Gegen Mittag schlagen dann Müdigkeit und Kopfschmerzen rigoros zu. Ich versuche das Ganze mit einer kleinen Laufrunde um den Einfelder See in den Griff zu bekommen, was auch hilft – zumindest einigermaßen. Und auch die Sonne lässt sich nun mal kurz blicken.

Die zwei Fotos und die Pinkelpause im Wald waren dann allerdings doch zu lang. Auf dem letzten Kilometer erwischt mich der Regenschauer aus genau der dunklen Wolke, die ich da gerade so begeistert fotografiert hab. Ob das jetzt einfach Pech oder der Vorgeschmack auf das ist, was mich in den nächsten drei Wochen noch so erwartet, will ich gar nicht wissen.

Ich bin früh dran, aber lieber zu zeitig, als zu spät 

Beim Check-in komme ich gleich mal mit einem Pärchen ins Gespräch. Sie starten in Göteborg in Richtung Süden und haben sechs Wochen Zeit – und ja, vielleicht bin ich ein bisschen neidisch. 

Als ich aber ihre E-Bikes sehe, ist auch der Neid schnell verflogen. Da bleibe ich dann doch lieber bei meinem eigenen Vorhaben - völlig old school.

 

Auch nach dem Boarding und dem Ausbreiten in der Kabine verschwindet das ungute Bauchgefühl nicht, dass mich heute schon den ganzen Tag begleitet. Ich kann weder sagen woher es kommt, noch lässt es sich abschütteln oder ignorieren. 

Liegt's am fehlenden Rad-Check vor der Abreise, der vielleicht für den Kopf doch wichtig gewesen wäre? Liegt's an der Wetterprognose, die den Hochsommer der letzten Wochen in Schweden offiziell beendet hat? 

Ich weiß es nicht...

Im Gegensatz zur Deutschen Bahn legen wir pünktlich um 18:45 Uhr ab. 

Mit Sonne und einem tollen Regenbogen verabschiedet sich das deutsche Festland wenigstens so, dass man es in guter Erinnerung behält.

 

Und wer weiß, vielleicht ist genau das das Zeichen, dass ich einfach vertrauen soll...

 

 

Tag 1: Säffle - Karlstad (2.8)

74 km

 

Die Nacht auf See war ruhig - zumindest was den Wellengang betrifft. Der Sturm, den ich letztes Jahr auf der Rückreise erlebt hab, ist allerdings auch nur schwer zu toppen. Dafür nervt der permanent laufende Lüfter in der Kabine anfangs, irgendwann schläfert er mich aber zum Glück ein.

Um kurz nach 5 Uhr erwische ich an Deck einen wunderschönen Sonnenaufgang, bevor es kurz vor Göteborg anfängt zu tröpfeln. Da ich aber noch nicht an meinem Startpunkt bin und erst mittags aufs Rad steige, sehe ich es gelassen. Das tiefdunkle Regenband befindet sich jetzt gerade dort und ist in einigen Stunden hoffentlich weitergezogen.

 

Zwischen 5  und 9:15 Uhr ist genug Zeit, alles einzupacken und zu verstauen - ein sinnvolles System hat man aber sowieso meist erst nach einigen Tagen.

Mit Anna hatte ich Zuhause dieses Jahr aber auch die beste Pack-Unterstützung ever:

"Mama, das Wichtigste ist Klopapier."!!


Klar, daran denkt doch jeder.
Dass ich Stena-Line heute Morgen gleich mal um eine Rolle erleichtern musste, erzähle ich ihr besser nicht.

 

Bei bedecktem Himmel legen wir überpünktlich in Göteborg an.

Die anderen Passagiere sind ungewöhnlich schnell vom Schiff verschwunden. Da ich dem Gedränge in den engen Gängen immer aus dem Weg gehen will, bin ich eine der letzten, die sich in Richtung Autodeck bewegt. Das hat bisher auch immer gut funktioniert, heute verpokere ich mich jedoch.

Alle Fahrräder sind schon von Bord, nur meins steht noch einsam und allein angeleint am Geländer. Der schwedische Stena-Line Mitarbeiter nimmst jedoch gelassen und lässt alle Autos geduldig warten, bis auch ich irgendwann soweit bin.

 

Ein kurzer U-Turn, dann bin ich auch schon am Parkplatz, auf dem Jonas auf mich wartet. Da es in Schweden streckenweise ein Ding der Unmöglichkeit ist, mitsamt dem Fahrrad einen Zug zu nutzen, springt er kurzerhand ein. Auch er ist einer der wertvollen Begegnungen und Menschen, die ich auf meinen Schweden - Reisen kennengelernt habe.

Wundervolle Gespräche machen die Fahrt mehr als kurzweilig und auch das Regenband sollte sich nun erledigt haben.

Gegen Mittag bin ich nun endlich startklar. Der Himmel dunkelgrau, aber es ist trocken. Mehr will ich ja gar nicht.

 

Schon nach kurzer Zeit zeigt sich, dass man innerhalb eines Jahres anscheinend so einiges vergisst .


Punkt 1: Klopausen nicht bis zum letzten Moment rauszögern - die Möglichkeiten sind mehr als begrenzt, dank nicht vorhandenem Fahrradständer ( vielleicht sollte ich mal nachrüsten)

Punkt 2: Nur weil es in Schweden bewölkt ist, sind nicht gleich -5 Grad.
2 Jacken landen auf den ersten 10 Kilometern gleich mal auf dem Gepäckträger.

Etwas über 70 km sind es heute. Immer etwas rauf und runter aber ich komme gut voran und auch die Sonne ist mit mir am Ende in Karlstad angekommen.


Die Nacht darf ich bei Maria verbringen - etwas außerhalb der Stadt , in einer kleinen, beschaulichen Wohngehend.


Kurz was essen, duschen und dann zurück an den See in die Sonne. Wer weiß, wie oft ich den Tag so wunderschön ausklingen lassen kann.