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  • Bikepacking Schweden 2025 - Woche 1

 

Tag 2: Karlstad - Hällefors (3.8)

98,78 km

175,94 km gesamt 

 

Der Morgen zeigt deutlich, wie weit nördlich ich bin - bereits 4:15 Uhr ist es hell.
Der Blick in den Himmel und aufs Thermometer überzeugt auch, sodass der Tag mit der obligatorischen Laufrunde in der Umgebung beginnt.

 

Die Sachen sind danach schnell gepackt und als ich gerade aufs Rad steigen will, merke ich, dass ich anscheinend doch dazu lerne und nicht nur vergesse. Zumindest gab es keinen Blick aufs Regenradar. Mittlerweile reicht, was ich über mir sehe, und das ist beim Losradeln nicht mehr ganz so überzeugend, wie beim Loslaufen.

Mit dem Ziel Hällefors verlasse ich nun in östlicher Richtung Karlstad und schon in Skattkärr rechne ich mit dem ersten Schauer. Die Regenklamotten hab ich heute morgen noch griffbereit verstaut, so dass ich es jetzt einfach mal auf mich zukommen lassen.

Es folgen ein paar kleine Ortschaften, bis die Abstände schließlich immer größer werden und Häuser durch Felder und vereinzelte Gehöfte ersetzt werden. 
Am Ende schaffe ich es sogar, die Regenwolke hinter mir zu lassen und kann in der Ferne blauen Himmel erkennen. So fährt es sich doch gleich viel leichter.

Das zweifeinde Bauchgefühl der letzten 2 Tage hat sich ein wenig verzogen, wenn auch nicht ganz.
Den letzten Schritt zur vollkommenen Unbeschwertheit verhindert meine Sattelklemme. Trotz mehrmaligem Festziehen, rutscht der Sattel immer wieder in eine Position, mit der ich nicht dauerhaft fahren kann. Wohl wissend, dass so eine Klemme auch brechen kann, traue ich mich nicht, sie so viel fester zu ziehen.

Der nächste Fahrradladen wird dann wohl meiner. Erst wenn ich Ersatz in der Tasche hab, werde ich testen, wie fest ich sie ziehen kann, sodass sich das kleine, aber auf Dauer doch nervige Problem, löst.

 

Am Lilla Älgsjön, einem kleinen See, finde ich zwar keine Sitzgruppe, aber zwei umgedrehte Ruderboote taugen als Frühstücksplatz auch. Die warme Sonne im Gesicht und der Wind, der in den Bäumen raschelt, machen diesen Platz perfekt. Eigentlich mag ich gar nicht weiterfahren.

 

Nachdem sich die Sonne hinter einer Wolke versteckt, breche ich dann doch auf.

Die asphaltierte Straße ist mittlerweile ein gut fahrbarer Forstweg geworden. Bei Komoot sind solche Wege dennoch als gelbe Straßen hinterlegt. Das ist in Schweden aber keine Seltenheit.

 

Kurze Zeit später biegt meine Route rechts ab. Die "Straße" ist auf dem Tacho nun weiß, und 1 mm schmäler dargestellt. Letztes Jahr hätte ich noch überlegt, ob ich es wage und am Ende auch getan. Heute meldet sich der Kopf sofort mit einem deutlichen Nein! Und so bleibe ich auf dem Waldweg und fahre in einem Bogen außen herum.

 

 

Kurz nach Ämten bin ich wieder auf der ursprünglichen Route und es geht weiter bis Storfors und Nykroppa. Viele Radfahrer scheint es hier nicht zu geben. Oder der Opi auf der Veranda seines kleinen roten Holzhauses freut sich bei jedem Menschen vorbeikommenden Menschen so überschwänglich. Auch für mich ist sein überaus freundliches Hej! und Winken ein kleiner Sonnenschein - Moment und so grüße ich mindestens genauso herzlich zurück.

 

 

Nach Nykroppa führt mich mein Weg erneut von einer gut ausgebauten Straße weg. Noch 3 knackige Anstiege, dann hab ich es für heute geschafft.
So zumindest die Theorie.


Die ersten zwei Kilometer lassen sich gut fahren, dann folgt das Desaster. Mit grobem Schotter versaute Wege kenne ich in Deutschland zur Genüge. Aber die Schweden können das ganz offensichtlich noch dreimal besser. Es folgen 3 Kilometer, auf denen sie 30 LKW Ladungen tennisballgroße Steine hingekippt haben - ohne zu verteilen. Selbst s
chieben ist reinste Quälerei. Ich könnte jetzt schreiben, stört mich nicht - ich bin im Urlaub und vollkommen entspannt.
Ich könnte aber auch einfach zugeben, dass mir ungefähr 20x  pro Minute das Wort "Scheiße" durch den Kopf geht.

 

Nach den gefühlt längsten 3 Kilometern ever ist der Spaß endlich vorbei. Der ach so schöne Weg geht nach links weiter, ich muss aber geradeaus. 
Es dauert nicht lange, um genau zu sein 500 Meter, dann folgt  das Elend 2.0

Aus den Steinhaufen werde kleine und schlammige Rinnsäle.

Fahrbar? Nein. Schieben? Nein. Alternative vorhanden?

Kurzer Blick in Komoot ...

Nein!!

Dann greift nun wohl das Motto eines Freundes: Es ist jetzt wie es ist, also weiter!!

 

Nochmal 3 Kilometer und ich erreiche wieder einen trockenen, GROB GESCHOTTERTEN Weg. 

Imnerhin geht's bergab und die kleiner Häuseransammlung mit dem Namen "Limgruvfallet" macht Hoffnung, dass ich ab dort wieder auf einen einigermaßen normalen Weg stoße.

Kurz darauf erfüllt sich mein Wunsch und ich muss den letzten Anstieg wenigstens nicht schieben.

6 Kilometer noch, dann habe ich es für heute geschafft.

Zum Glück...

In Hällefors gehe ich in das Hostel, in dem ich letztes Jahr schon war und sehr wohl gefühlt hab. Das Personal hat sich nicht verändert und so darf ich auch heute wieder früher als eigentlich vorgesehen aufs Zimmer.

 

Am Nachmittag nutze ich die Zeit bis zum angekündigten Regenschauer, um einen Spaziergang zum Sikforsån zu machen - ein kleiner See östlich des Ortes.

 

Einen schönen Platz am Ufer finde ich leider nicht, lediglich einen Zugang für Bootsfahrer, von dem mich jedoch die Mücken innerhalb kürzester Zeit vertreiben.
Nur gut, dass ich Mückenspray dabei hab. Macht sich in der Tasche des Fahrrads in solchen Momenten auch ausgesprochen gut.

 

Und so trete ich eben wieder den Rückweg an ...

Tag 3: Hällefors-Smedjebacken (4.8)

88,62 km

264,56 km Gesamt

Am Morgen zeigt sich wieder der typische Verlauf des Wetters. Ich starte bei freundlichem Himmel zum Laufen. 1 Stunde später ist davon nichts mehr übrig. Und so sind die ersten Kilometer auf dem Rad wieder einfach nur trüb und trostlos. Aber: Es ist so gut wie trocken. Damit bin ich mehr als zufrieden.

38 Kilometer sind es bis Kopparberg, vorher wieder lange lange nichts. Kein Haus, kein Auto, keine Menschen. Wie sehr ich diese Einsamkeit in den Wäldern Schwedens liebe..

 

 

Meine Tagesetappe führt mich heute nach Smedjebacken. Ein Ort, den ich letztes Jahr schon im Vorbeifahren kurz gesehen hab.

Ein gut ausgebaute Straße lässt die ersten Kilometer verfliegen. 

 

Kurz nach Jönshyttan biege ich ab und hiermit ändert sich auch der Untergrund. Ein kurzes ungutes Gefühl macht sich breit... Sollte ich besser auf der Hauptstraße bleiben?
Ich entscheide mich dagegen und bleibe auf dem Track. Wird schon gut gehen.

 

 

Heute ist wieder mal so ein Tag, an dem es entweder bergauf oder bergab geht. Flache Abschnitte sucht man vergeblich. Zum Glück bleibt der Forstweg gut fahrbar, sodass auch die Anstiege nicht so erschwerlich sind wie gestern. Dass dieser Zustand jedoch auch die wenigen Autofahrer dazu animiert, ihre Geschwindigkeitsgrenzen auszuloten, sorgt für einige brenzlige Situationen. Ganz nach dem Motto " Hier kommt sowieso keiner" , sind die Autofahrer viel zu schnell und ich zu oft im schwedischen Linksverkehr unterwegs. 

Bis Kopparberg geht es zum Glück jedes Mal gut und hier finde ich nun endlich eine Möglichkeit zum Frühstücken, auch wenn's nur eine Bank auf der Veranda des historischen Gerichtsgebäudes ist.

 

Wie so oft, wenn der Himmel bedeckt und keine Sonne zu sehen ist, wird es schnell kalt. Der längste Anstieg des Tages, und vielleicht auch der ganzen Reise, kommt da zum Warm werden nach dem Frühstück gerade recht.

Oben angekommen werde ich für die Bergetappe belohnt. Auch die Sonne hat sich mittlerweile entschieden, mir wieder Gesellschaft zu leisten und so sieht alles gleich viel schöner aus.


Immer wieder bietet der Weg schöne Ausblicke in die Ferne, ein See reiht sich an den anderen. Auch wenn ich einige Male denke, das könnte jetzt ebenso im Bayrischen Wald sein, sind es genau diese Momente, in denen ich wieder weiß, warum ich dieses Land so sehr liebe.

 

Kurz vor Bredsjö Hytta tappe ich fast in dieselbe Falle wie gestern.
Entweder gibt's in dieser Gegend mehrere Waldarbeiter, die mit größter Freude gröbsten Schotter auf die Fahrwege kippen oder der von gestern hat sich auch hier ausgetobt.

 

Aber ich lerne !! Und drehe um.
Diesmal gibt's zum Glück eine Alternative und die ist obendrein einfach nur wunderschön.

 

In Björsjö bin ich wieder auf der ursprünglichen Strecke und mit 15 Restkilometern im Endspurt für heute. Der Endspurt beinhaltet jedoch nochmal einen langgezogenen Berg. Meine Freude hält sich in Grenzen.

In Smedjebacken darf ich heute bei Sebastian übernachten. Er selbst ist zwar noch in der Arbeit aber seine beiden Jungs weisen mich ein.

"Hier ist deine Hütte, Toilette ist ums Eck, Dusche hinter dem Busch .. "

Ah ja. Kurz glaube ich an einen Scherz. Nachdem er aber lächelt , sich umdreht und  wieder im Haus verschwindet, scheints wohl doch keiner zu sein.
Und so stehe ich mit großen Augen vor der wohl bisher schönsten Warmshowers Unterkunft, in der ich je war. Ein kleines, urgemütliches rotes Schwedenhäuschen, mit einer grünen Holztür , gelben Fensterrahmen, tiefer Holzdecke und einer Hühnerleiter zum Bett. Andere würden so etwas für viel Geld vermieten. Sebastian stellt es lieber Radreisenden kostenlos zur Verfügung.

 

Da er noch nicht Zuhause ist, mache ich einen Spaziergang durch die Stadt. Der kurze Eindruck vom letzten Jahr lässt nicht viel erwarten. Doch schon kurze Zeit später werde ich eines besseren belehrt. Nur wenige 100 Meter entfernt stehen überall alte rote Haushäuser, wie ich sie nur aus Museumsstädten kenne. Hier hat man das Gefühl, es ist vor vielen vielen Jahren einfach die Zeit stehen geblieben.

 

Kurz vor der Einfahrt zu meinem kleinen Ferienhaus komme ich an einem Fahrradladen vorbei. Wenn das mal kein Zeichen ist. Kurzerhand gehe ich rein und frage nach einer Sattelklemme.


Hast du dein Rad dabei?, fragt er mich nur. Da es quasi ums Eck steht, hole ich es schnell.

Er wirft einen kurzen Blick auf die Klemme, verschwindet in der Werkstatt und kommt mit einer neuen zurück.
"Sollte passen", höre ich nur und dann zieht er sie fest. Ich beobachte das Ganze und bin mir nun gar nicht mehr sicher, ob so eine Sattelklemme wirklich brechen kann. Die Neue ganz offensichtlich nicht. Ob ich sie sie nun je selbst wieder locker bekomme, steht auf einem anderen Blatt . 

Auf meine Frage, wie viel sie kostet, antwortet er nur  " Das ist ein Geschenk des Hauses."

Und da wäre er dann wieder - mein Sonnenscheinmoment des Tages. 

 

 

Am Abend unterhalte ich mich noch ein wenig mit Sebastian. Er ist selbst begeisterter Radsportler, war lange Zeit im Triathlonbereich unterwegs.

Die Arbeit hat ihn von Sachsen nach Schweden verschlagen und aus den ursprünglich geplanten 2 Jahren sind mittlerweile 18 geworden. Doch auch heute noch haben sie den Gedanken im Kopf, zurückzugehen. Sobald sie aber einen Tag in Deutschland sind, verwerfen sie diesen jedes Mal wieder, erzählt er.

Nachdem er mir noch Luft aufgepumpt hat, verabschiedet er sich mit den Worten : " In Schweden ist nicht alles besser, aber mit der Mentalität der Deutschen kommen wir nicht mehr zurecht... ".


Und diese Worte fühle ich...

 

Tag 4: Smedjebacken - Linghed (5.8)

92,05 km

356,61 km gesamt 

 

Tag 4. Regen in der Nacht. Er war angekündigt aber gegen 5 Uhr hört es auf. Ein Blick in die Glaskugel namens Wetter.com besagt, nochmal ein Schauer um 5:45 Uhr, danach zeigt sich mehr und mehr die Sonne. Die rote Windfahne blende ich aus.


Klingt gut. Laufschuhe an und los! Die Straßen sind nass, aber wohlweislich hab ich die GoreTex Schuhe mitgenommen. Somit: egal.

Nach 45 Minuten wird der Himmel tatsächlich bedrohlich dunkel und es passiert : NICHTS.
Auch mal schön, Regenvorhersagen stimmen ja sonst eigentlich immer.

 

Weiter geht es heute bis Linghed, ein kleiner Ort etwas östlich von Falun. Ich starte mit Regenschuhen und über dem Trikot lediglich mit der Regenjacke.

Sonne = warm.
Naiv? Naiv!
Weiß ich aber erst 2 Stunden später.

Trotz grauer Wolken überall um mich herum, kommt kein Tropfen mehr vom Himmel und nach einer halben Stunde kämpft sich die Sonne durch die Wolken. Dieses Jahr kann man sich anscheinend mal auf die Wettervorhersage verlassen.

 

Die Gegend ist auch heute wieder traumhaft schön. Immer wieder kleine Seen, manche einsam und verlassen, andere mit vereinzelten kleinen Hütten am Ufer.

 

 

In Gustafs spekuliere ich auf eine schöne Bank zum Frühstücken. Doch 2 Kilometer vorher zerschlägt sich diese Hoffnung. Die Sonne ist zwar da, aber es regnet! Obendrein geht es längere Zeit bergab und bis ich im Ort bin, friere ich, wie seit Beginn in Säffle noch nicht.

Es hilft nichts, ich ziehe alles an, was ich finde. Lediglich die Daunenjacke belasse ich in den Tiefen des Packsacks. Das Wohlbefinden steigt wieder etwas und kurze Zeit später wärmt die Sonne wieder ein wenig, auch wenn der Wind versucht, es ihr schwer zu machen.

Frühstück daher im gewohnten Terrain: Bushaltestelle. Ein wenig windgeschützt hoffe ich, wieder einigermaßen warm zu werden.

 

Als ich weiterfahre, leistet mir die Sonne weiterhin Gesellschaft, im Regenradar sieht man allerdings viele kleine Regenwolken, die sich überall verteilen. Zu viele, für meinen Geschmack. 10 Uhr, 10:40 bis 11:15 Uhr usw usw. Aber Bushaltestellen - Hopping kenne ich ja bereits. Und kann ich. Genügend gibt es auch, Dank einem Kuhdorf am anderen. Hier merkt man die Nähe zu Falun.

Es ist 10 Uhr, als ich durch Vika komme. Ein kurzer Blick zurück bestätigt die Vorhersage - über dem See ist schon der Regenschauer zu sehen. 

Ich warte, und warte , und warte...

Kein einziger Tropfen kommt vom Himmel. Das war dann Wohl mal wieder eine dieser Attrappen.

 

Bis Svardsjö, nur wenige Kilometer vor meinem heutigen Ziel, geht dieses Spiel so weiter. Immer wieder Regenwolken, mal erwischt sie mich, mal nicht, dazu heftiger Wind mit Böen bis 65 km/h. Und irgendwo sitzt einer in seiner Ecke und lacht, weil ich der Wetterglaskugel wieder Glauben geschenkt hab.

Netterweise kommt wenigstens der Wind aus der richtigen Richtung.

 

Pünktlich, bevor die nächsten kräftigen Schauer vom Himmel kommen und der Wind nochmal deutlich auffrischt, erreiche ich den Campingplatz in Linghed. Dass ich hier heute nicht mal den Versuch wagen brauche, das Zelt aufzubauen, ist mir klar und so wird es eine kleine Hütte. Und die könnte deutlich schlechter sein.

 

Was für ein traumhafter Ort..

 

Und wohlig warm, hinter den schützenden Scheiben der Hütte, lässt sich nun auch das Wetter gut ertragen.

 

Tag 5: Linghed - Ockelbo (5.8)

80,45 km

437,06 km gesamt 

Der Wind lässt in der Nacht etwas nach, auch die Schauer hören auf. Die Laufrunde um den Svardsjön belohnt mich mit einem tollen Sonnenaufgang, auch wenn es durch die weniger wolkenverhangene Nacht heute Morgen deutlich kühler ist. Der Wind tut sein übriges.

 

Bis Öckelbo sind es heute nur um die 80 km und deutlich weniger Höhenmeter. Bei dem angesagten schönen Wetter kann ich somit an dem ein oder anderen See die Pause in der Sonne ein wenig verlängern. Regenhose, Regenschuhe und die Regenjacke verschwinden im Packsack. Ich starte lediglich mit der dünneren Jacke.

 

Ich bin noch nicht mal 1 Kilometer vom Campingplatz entfernt, schon hole ich die Ärmlinge aus dem Rucksack. 12 Grad sind eben einfach nur 12 Grad. Aber auf den ersten 14 Kilometer geht es nun erstmal stetig bergauf - heute ein Vorteil bei den Temperaturen. Auch der Wind hat ein wenig gedreht und kommt nun nicht mehr aus dem Süden, sondern aus westlicher Richtung. Und genau dort geht es heute für mich hin.

 

Auf 400 Meter Höhe habe ich nun den höchsten Punkt erreicht. Die Sonne wird nur ab und zu von paar Schleierwolken verdeckt, warm ist mir aber nach wie vor nicht. 

 

Aber auch hier wieder Seen über Seen. Einer sogar mit einer wunderschönen Bank am Ufer - aber leider im Schatten. Schweren Herzens fahre ich weiter.

Kurze Zeit später ein Angelplatz, nicht weniger schön gelegen aber ohne Sitzgelegenheit. Die Baumstämme überzeugen mich jedoch, der Platz in der Sonne noch viel mehr.

Es dauert keine 5 Minuten, dann wird es auch hier kalt. Richtig kalt. Der Wind lässt kein Aufwärmen zu.

Es hilft nichts, kurz bevor ich weiter fahre kommt die lange Hose zum Einsatz. Auch die warme Jacke geistert mir durch den Kopf. Da sie jedoch ganz unten verstaut ist, versuche ich es ohne.

 

Die kommenden 10 Kilometer bis Amot mache ich mir weiter warme Gedanken und träume von einem windgeschützten, sonnigen Platz an einem See. Hilft natürlich nicht, lässt aber die Zeit ein wenig schneller vergehen.

 

In Amot fahre ich direkt an einem kleinen Supermarkt vorbei, der in 10 Minuten öffnet. Da die Etappe heute kurz ist und der Wind für gutes Vorankommen sorgt, halte ich an und überbrücke die Zeit auf der Bank vorm Geschäft. Und das ist wohl die beste Entscheidung, die ich heute treffen konnte. Der Wind hier nur schwach und die rot-braune Hauswand strahlt wohltuende Wärme ab. So langsam taue ich wieder auf. Ein Cappuccino aus dem Automaten unterstützt den Prozess zusätzlich.

Das Glücksbarometer steigt wieder.

 

 

Åmot ist – man glaubt es kaum – tatsächlich mal wieder ein etwas größerer Ort. Und mit „größer“ meine ich: mehr als drei Häuser, die nicht nur zufällig nebeneinanderstehen und lediglich einen Namen für den Postboten bekommen haben.

Es gibt Straßen, Schilder und sogar sowas wie eine Ortsmitte. Und trotzdem: Menschen sieht man keine. Weder Urlauber noch Eingeborene .

Der Ort wirkt wie eine dieser ruhigen Ecken, in denen die Welt einfach mal eine Pause einlegt. Kein Trubel, kein Verkehr, keine Hektik .

 

Die restlichen 30 Kilometer bis Ockelbo vergehen schnell. Noch schneller würde es gehen, wenn ich nicht jede zweite Bushaltestelle ansteuern muss.
Nein, kein Regen. Aber ich wechsle von der Arktis in wärmere Gefilde.

Der erste Stopp gilt der Hose, der zweite der Regenjacke und beim dritten müssen die Ärmlinge dran glauben. Und überhaupt ist es seit zwei Tagen ein einziges an- und wieder ausziehen.

 

Ockelbo selbst ist ein kleiner Ort am Bysjön. Etwas außerhalb, direkt neben der Schule von Åbbyeby, bekomme ich ein kleines Ferienhaus. 

 

 

Der Ausblick von der Veranda meiner kleinen Hütte ist leider nicht mehr ganz so schön wie am Tag vorher. Gestern noch Seeblick deluxe, heute... Fußballplatz. Rasen statt Entenidylle.

Dafür wird man abends immerhin mit dem Training der örtlichen Mädchenmannschaft entschädigt. Und obwohl mein Fußballwissen irgendwo zwischen „Ball ist rund“ und " der mit den meisten Toren gewinnt“, pendelt, sieht das, was die da machen, erstaunlich professionell aus.

 

Als die Mädels ihr Training beendet haben, wird es ruhig auf dem Platz .

Und nicht nur dort. Mit jedem Abend wächst auch in mir die Gelassenheit.

Und die Dankbarkeit.

 

Tag 6: Ockelbo - Iggesund (7.8)

107,30 km

544,36 km gesamt 

 

Heute steht ein etwas längerer Tag bevor. Unwesentlich weniger Höhenmeter als die letzten Tage, dafür über 100 km. Aber es wird ein traumhafter Sommertag versprochen, der mich gleich mal mit 6 Grad am Morgen begrüßt.

 

 

Und so lassen mich die weniger schönen Erinnerungen an gestern alle Geschütze auffahren. Auch die Handschuhe - optimistisch ganz nach unten gepackt - warten auf ihren Einsatz.

Schon beim Losfahren merke ich, dass derart kalte Temperaturen auch ihr gutes haben. Drei Schichten am Körper bedeuten deutlich weniger Gewicht in den Fahrradtaschen. Unglaublich, wie viel eine dünne Jacke wiegen kann, wenn man sie nicht trägt!

 

 

Hingegen meiner Befürchtung, heute nur auf großen Straßen unterwegs zu sein, bewahrheitet sich in den ersten Stunden schon mal nicht. Auch der Winter scheint sich lediglich im Umkreis meiner kleinen Hütte ausgebreiteten zu haben und so landen zumindest die Handschuhe schnell wieder in der Tasche. Die Hose folgt eine Stunde später.

 

 

 

Kurz vor Bergvik entdecke ich links einen kleinen See – und wittere sofort meine Chance auf die perfekte Frühstückspause. Ein paar Meter weiter werde ich tatsächlich fündig: ein Unterstand mit Sitzbank, Badesteg und Seeblick. Fast zu schön, um wahr zu sein – und leider auch schon besetzt. Der alte Schwede mit seiner Angel war offenbar schneller. 

Oder er sitzt da schon seit vorgestern.

 

 

Schweren Herzens rolle ich weiter – in der Hoffnung auf ein Frühstück mit weniger Konkurrenzdruck.

Am Ende lande ich vor dem Bruksmuseum in Bergvik, direkt neben dem Wasserkraftwerk. Es gibt dort immerhin eine Sitzgruppe.

Windgeschützt? Nein. Romantisch? Auch eher nicht. Und das Wasser rauscht hier nicht – es lärmt. Aber gut, mein Magen hat jetzt Vorrang.

 

 

Der Tag hat sich mittlerweile zu einem traumhaften schwedischen Sommertag entwickelt. Der Himmel strahlt mit der Sonne um die Wette.

 

 

Etwas östlich von Söderhamn komme ich an einer Badestelle vorbei, die als Postkartenmotiv durchgehen könnte. Am Ende hört die Straße auf – für Autofahrer ist hier Schluss. Für mich geht’s weiter und der Weg wirkt machbar, vielleicht sogar angenehm. Noch.

 

 

Keine 500 Meter später will mich Komoot rechts schicken. Das dazugehörige Schild sieht ungefähr so einladend aus wie die tischtennisballgroßen Steine der letzten Tage. 

 

Ich werfe also einen kurzen Blick aufs Display – Komoot bleibt vage, optimistisch ist anders. Es gäbe zwar eine Alternative außen herum, aber solche Schleifen hebt man sich eher für Tage mit Rückenwind und einer kürzeren Etappe auf.

Also, auf geht's.

Und ich merke ziemlich schnell: Das wird kein Spaß. Der Weg verwandelt sich in eine Mischung aus Wurzelparcours und Singletrail – selbst zu Fuß wäre das kein Highlight. Alles jetzt schieben? Funktioniert auch nur in der Theorie. Der Pfad ist zu schmal um neben dem Rad zu gehen. Aber gut. Dass der „Moststigen“ nicht gerade als Vorzeige-Fahrradroute taugt, hätte ich inzwischen wirklich gelernt haben können.

Also gebe ich auf. Nun muss die Umleitung her.

Letztendlich ist sie okay und nach den Erfahrungen bisher nichts, worüber ich schimpfen darf. Es geht deutlich schlimmer.

 

In Kungsgarden folgt nun leider das, was ich befürchtet habe. Ich lande auf einer grünen Straße mit E- Bezeichnung. Sollte man in Schweden meiden, wie ich letztes Jahr mehrfach erfahren musste.

Doch schon auf den ersten Kilometern ist klar, man hat hier gute Chancen zu überleben. Wenig Verkehr, so gut wie keine LKWs, keine Mittelleitplanken, die ein weiträumiges Umfahren meiner Person unmöglich machen. Aber eben leider auch lange Geraden - mein Endgegner Nummer 1. Selbst schöne Landschaften wirken hier wie Standbilder.

Und auch der entgegenkommende Bikepacker mit demselben Schicksal macht's am Ende nicht besser.


Leider begleitet mich diese Straße bis zum heutigen Ziel in Iggesund.

 

 

Belohnt werde ich mit einem schönen Campingplatz und einem noch schöneren Ausblick.

Da wäre er wieder - der Seeblick Deluxe.

 

Nach einem kleinen Spaziergang in der Umgebung sitze ich am Abend noch lange auf dem Bootsteg, lasse die Füße ins Wasser baumeln und merke einmal mehr, wie frei und leer der Kopf in diesem traumhaften Land ist.

 

Nur ein Gedanke reist still und leise immer mit..

Und das darf er auch...

 

Tag 7: Iggesund - Sundsvall

115,78 km

660,14 km gesamt

 

Heute geht es zum nördlichsten Punkt auf dieser Reise - nach Sundsvall. Mit 114 km auch die längste Etappe.


Die Sonne scheint, es ist wärmer als gestern, dennoch brauche ich auch heute auf den ersten 20 Kilometern wieder beide Jacken und die Ärmlinge.

 

 

In dieser Gegend merkt man die Nähe zum Meer deutlich. Zum Einen an den vielen Wohnmobilen auf den Straßen, zum Anderen an der Anzahl der Ortschaften. Durch so viele Städtchen wie heute, bin ich in der gesamten Woche noch nicht gekommen.

Zu Beginn geht es gleich mal durch Hudviksvall und hier ist es obendrein sogar noch richtig schön. Klein, beschaulich, für die Touris ordentlich hergerichtet.

 

Einige Kilometer weiter, kurz nach Sanna, führt mich der Radweg nun an einem Gestüt vorbei und damit verlässt mich auch der Asphalt unter meinen Reifen. Statt Steine wie Tischtennisbälle, Morast und Schlamm, folgt nun eine dritte Kategorie von "Scheiß-Weg" - nämlich ein akkurat aufgelockerter Forstweg.
Natürlich alles ordentlich und perfekt für die trabenden Pferdebeine, für Radfahrer jedoch die reinste Schikane. Jeder Tritt fühlt sich an, als würde ich durch fein geharkte Blumenerde fahren.

Nach knapp 4 Kilometern ist das Ganze zum Glück ohne Sturz überstanden. 

Mit Hårte kommt nun endlich auch mal das Meer in Sichtweite und mit ihm ein wundervoller Platz zum Frühstücken. Hier nimmt man das Frieren im kühlen Wind ein wenig versöhnlicher in Kauf.

 

 

Hier werden übrigens nicht nur die Wohnmobile, die Fahrzeuge mit deutschen Kennzeichen und die Ortschaften mehr, hier begegnet man tatsächlich auch wieder mal anderen Radreisenden.

Am Björköfjärden, etwa 20 Kilometer vor Sundsvall, habe ich die Wahl: den markierten Radweg mit zwei Kilometern Umweg oder die kürzere Variante. Beide Wege wirken gut fahrbar – ich entscheide mich für kurz.

Tja, hätte ich mal lieber länger gedacht.

 

Die nächsten fünf Kilometer ziehen sich schnurgeradeaus, leicht ansteigend und mittlerweile ist auch der Wind nicht mehr mein guter Freund. Er kommt leicht von vorn – gerade so, dass man ihn spürt, aber nicht beschuldigen kann. Und vor mir: nichts als Weg. Kein Knick, keine Ablenkung, einfach nur geradeaus.

Man fragt sich irgendwann, wo man eigentlich hinschauen soll, um das Ganze nicht ununterbrochen vor Augen zu haben. Auf den Lenker? In die Wolken? Auf die Wasserflasche ? Oder einfach geduldig weiterrollen und hoffen, dass Sundsvall irgendwann aus dem Nichts auftaucht?

Aber irgendwann ist auch dieser Abschnitt geschafft – nicht spektakulär, aber dafür konsequent langweilig.

Die letzten Kilometer bis zum Ziel sind nicht spannender als die lange Gerade. Wie es eben so ist, wenn man in eine größere Stadt reinrollt. Industrie, Fabriken, Hafen.

Da lasse ich die Gedanken lieber an schönere Abschnitte der letzten Stunden wandern.

 

Der erste Eindruck von Sundsvall ist  dafür sehr schön.


 

Am Rathausplatz treffe ich mich mit Ingo. Wir haben uns letztes Jahr im Herbst beim UTMB Kullamannen in Schweden kennengelernt, er lebt ebenfalls in Bayern, in der Nähe von Landsberg am Lech. Nach seinem gescheiterten eigenen Projekt in Lappland macht er hier für 2 Tage noch einen Zwischenstopp.

Was für ein schöner Zufall.

 

Den restlichen Nachmittag schlendern wir durch Sundsvall, haben uns viel zu erzählen und stellen beide fest, dass diese Stadt nicht zu Unrecht als eine der schönsten Städte Schwedens zählt.

Am Abend haben wir das Zentrum durch. Da sich die Sonne langsam Richtung Horizont bewegt, suchen wir uns eine Straße, die uns ein wenig oberhalb der Stadt bringt.

"Hier nochmal rechts, den Anstieg dort vorne noch, ach komm, die paar Meter können wir jetzt auch noch gehen" und so landet man am Ende am Gipfel des Södra Berget, dem Hausberg von Sundsvall.

Absolut unspektakulär, mit einem hässlichen Hotelkomplex, dafür aber ein wunderschöner Ausblick mit einem gigantischen Sonnenuntergang. 

 

Diese Begegnung mit Ingo hat nicht nur den Tag, sondern auch mein Inneres mehr als berührt-  und wird als kostbarer Moment in mir weiterreisen.

In solchen Augenblicken spürt man, dass man sich beim Alleinreisen dann doch ab und zu danach sehnt, besondere Momente teilen zu können.

 

Tag 8: Sundsvall - Ånge (9.8)

104,14 km

764,28 km gesamt 

Nach einer nicht ganz so ruhigen Nacht in Sundsvall ändere ich heute die Richtung, und fahre westwärts bis Ånge. Der Ort liegt ungefähr auf halber Strecke zwischen Sundsvall und Östersund und führt immer am Fluss Ljungan entlang.

Nachdem mich der Tag mit einem wundervollen Sonnenaufgang  begrüßt hat, fällt mir heute das Weiterreisen nicht ganz so leicht. Aber auch solche Tage gehören dazu.

 

Kaum bin ich aus der Stadt, wandelt sich das Landschaftsbild wieder komplett. Die Häuser willkürlich verstreut, der Fluss schlängelt sich durch die Wiesen und Felder, es gibt kaum etwas anderes als rote Holzhäuser.

Pippi Langstrumpf, wo bist du?

 

Nach den letzten Tagen dachte ich: Mehr Auf und Ab geht nicht. Geht leider sehr wohl. Und ich mittendrin. Die Anstiege? Lächerliche 20 bis 30 Höhenmeter. Die Höhe, auf der ich mich befinde? Immer zwischen 90 und 150 Meter über dem Meer. Und trotzdem stehen am Abend 700 Höhenmeter auf dem Tacho. Dieses Dauer-Rauf-und-Runter ist langsam kein Training mehr – das ist ein nerviger Ausdauertest in Endlosschleife.

 

Umso wohltuender ist die Pause und das Frühstück - heute wieder mal mit Aussicht. 

 

Nur leider bin ich nicht allein. Neben mir ein Backpacker, der hier ganz offensichtlich die Nacht verbracht hat und nun geduldig wartet, bis sein Schlafsack getrocknet ist.

 

 

Mein Blick bleibt an seinem Rucksack hängen – ein Exemplar, mit dem ich persönlich maximal zum Supermarkt gehen würde. Und selbst dann nur, wenn auf der Liste exakt zwei Bananen, ein Brot und fünf Äpfel stehen. Sein Inhalt? Wahrscheinlich ein Schlafsack, ein Kocher und das Outfit, das er gerade trägt. Da er oben ohne in der Sonne sitzt, vermute ich, das T-Shirt wird einfach zwischendurch ausgewaschen. Täglich? Wohl kaum. Wöchentlich? Schon realistischer. Nur gut, dass heute nicht die Unterhose an der Reihe ist.

 

Kurz bevor er aufbricht, erzählt er mir, dass er den St. Olavs Pilgerweg von Sundsvall nach Trondheim wandert – und aus Frankreich stammt. Dass ich aus Deutschland komme, erkennt er natürlich wieder sofort. Warum nur? Liegt es an meinem Akzent? Meinem Fahrrad? Oder einfach an dieser unübersehbaren Aura, die „Made in Germany“ schreit?

 

Zum Glück hab ich keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, auf mich warten weitere 132 Hügel.

 

Aber zwischendrin erreiche ich erstmal die Mitte Schwedens. 

 

Nach Hügel 128 ist nun auch endlich das Ziel in Sicht. Zumindest auf dem Tacho. Da ich mal wieder ein Baustellenschild nicht verstanden und daher ignoriert habe - übrigens meistens ein großer Fehler - stehe ich 4 Kilometer vor Ånge, zusammen mit zwei schwedischen Opis, vor einem Krater in der Straße. Ihren Tipp auf schwedisch verstehe ich leider nicht. Vielleicht war's auch gar keiner, sondern vielmehr eine Belehrung. Manchmal ist es ganz gut, wenn man die Sprache nicht wirklich versteht. 
" I try it", ist alles, was ich ihnen entgegenbringe.
"You must", kommt vom Grandpa links. 

 

Nach unten geht's noch einigermaßen leicht. Einmal am Bagger vorbei, über das Geröllfeld und drüben wieder hoch. Bis zum Geröllfeld schlage ich mich noch ganz gut, am Ranger auf der anderen Seite bin ich dann leider schachmatt. Zu steil, zu lockere Erde.. Diese Show möchte ich den beiden nicht bieten und versuche es daher gar nicht erst.


Doch was jetzt? Zurück und die Umleitung?
Aber Moment.. Schachmatt. Ist da das Spiel nicht vorbei?
Ich stehe IN der Senke. Also egal welche Seite, es gibt nur den Ranger hinter mir oder den Ranger vor mir.


" Can i help you"?
Hä? Will er mir mit seinen geschätzt 85 jetzt das Fahrrad da hochtragen oder wie?
Als ich mich umdrehe, schaue ich in die Augen von Daniel. Daniel ist ein schwedischer Wanderer, der, warum auch immer, gerade auf dieser Landstraße ( die ein Alptraum eines jeden Wanderers ist), unterwegs ist. Kurzerhand packt er mit an und innerhalb einer halben Minute habe ich wieder festen Boden unter den Füßen.

Keine Ahnung, aus welcher Versenkung er gerade aufgetaucht ist aber er war meine Rettung .

Für seinen Hilfsdienst muss ich ihm noch erzählen, wo ich herkomme und hin möchte, und auch mich interessiert es, was er da eigentlich hier macht. Daniel lebt in Stockholm und nutzt das schöne Wetter um einige Etappen am Fluss entlang zu wandern.

Und dann zieht er weiter, mein persönlicher Sherpa.

 

Für heute Nacht wird es ein kleiner Campingplatz am Fluss. Man merkt, dass die schwedischen Ferien vorbei sind und fühlt sich mittlerweile schon recht verloren.

Naja und dann gibt's eben auch Campingplätze, bei denen man ein Auge zudrücken muss und am Ende froh sein kann, wenn man nicht mit Zisternenwasser duschen muss.

Nichtsdestotrotz, meine Hütte ist gemütlich und auch die Umgebung gibt wieder alles, was Schweden an Schönheit so zu bieten hat...

 

Und schon allein diesen kleinen Sprayer - Jungen in Bademantel und Gummistiefeln bei seiner Arbeit zu beobachten, war heute jeden Hügel wert 🥰

 

Tag 9: Ånge - Ljusdal (10.8)

102,75 km

867,03 km gesamt 

 

Nachdem ich hier immer nur "Achtung, Pferde" und "Achtung , Snowmobil" - statt "Achtung, Elche" - Schilder sehe, schwindet meine Hoffnung, am Morgen beim Laufen auf einen zu treffen. Auch heute ist wieder weit und breit keiner zu sehen.

Aber der Anblick über dem Wasser ist jetzt auch nicht so schlecht.

 

Mittlerweile lebe ich völlig zeitlos. Wäre ich auf der Bundesstraße nicht alleine, wüsste ich nicht , dass Sonntag ist. Das macht die heutige Etappe allerdings sehr angenehm. Die Sonne scheint, der Morgen ist wie immer kühl, aber damit kann ich sehr gut leben.

 

 

35 Kilometer rolle ich einsam und allein über die Hauptstraße in Richtung Ljusdal. Ganze vier Autos sehe ich in dieser Zeit.

 

Und mit dem Bus dauerts hier wahrscheinlich auch immer wieder mal länger.

 

Zum Glück sind die Anstiege heute etwas angenehmer als die letzten Tage. Das Auf und Ab begleitet mich zwar nach wie vor, aber die Steigungen ziehen sich mehr in die Länge und lassen sich dadurch relativ locker fahren.

Je näher ich Ljusdal komme, desto mehr kleine Häuseransammlungen tauchen auf. Und in denen begegnen mir immer wieder diese alten Schweden und Schwedinnen, die sich riesig freuen,  winken und aus tiefstem Herzen lächeln. Wie schön und einfach kann es auf dieser Welt sein.

 

Am frühen Nachmittag bin ich am Ziel und darf mich heute wieder einmal bei einem Warmshowers Gastgeber einquartieren.
Diesmal ist es Anders.
 Herzlich begrüßt er mich und ehe ich mich versehe, lächle ich für das Erinnnerungsfoto in seine Kamera.

Vermutlich hat er eine Pinnwand mit Fotos all seiner Gäste. Das wäre zumindest die harmloseste aller Möglichkeiten.

Nach einer kurzen Einweisung darf ich mich mal wieder wie Zuhause fühlen. Seinen Sonntagnachmittag verbringt er auf dem Footballfeld und geht seinem Sportjournalisten - Job nach.
Vielleicht erklärt sich jetzt auch das Foto.

 

Nachdem ich meine Sachen abgestellt habe, schaue ich mich ein wenig um.
Und ja, Anders ist anders. Anders hat gefühlt 220 Bücher in deren Titel " Marathon" vorkommt, mindestens genauso viele Medaillen und im Gästezimmer steht ein Ruderboot.
Für heute Nacht habe ich also nicht nur ein Bett, ich habe ein Boot.

 

Anders ist also gar nicht so anders. Anders ist einfach nur eine etwas professionellere Version meiner selbst.

 

 

Bei meinem Nachmittagsspaziergang hinterlässt Ljusdal einen guten Eindruck. Klein und beschaulich am Wasser gelegen, im Hintergrund die Berge, eine hübsche kleine Kirche.

 

 

Zurück bei Anders nehme ich statt den Aufzug die Treppe.
Welche Nummer hat er im Aufzug gleich nochmal gedrückt?  Ah ja, die 3.


Stockwerk 1, Stockwerk 2, Stockwerk 3. War jetzt nicht schlimm und schafft man auch zu Fuß.
Ich erinnere mich an seine Erklärung mit dem Türschloss.
Türgriff nach oben, Schlüssel ins Schloss, zweimal nach rechts, wieder zweimal nach links.
Hab ich vorhin getestet, ging.

Aber vorhin ist nicht jetzt!

Schlüssel rein, zweimal, rechts, zweimal links ...

Fehlanzeige. Der Türgriff lässt sich nicht nach unten drücken.


Zweiter Versuch.
Schlüssel rein, zweimal rechts, zweimal links.

- Nichts -

Ich bin anscheinend tatsächlich zu blond für schwedische Schlösser, in Göteborg bei Matthew hab ich das Problem auch regelmäßig.

Was jetzt??

Während ich überlege, fällt mein Blick auf das Namensschild.
"I. Andersen."

Moment !!

Hier ist Andersen der Nachname. Bei ihm ist es aber der Vorname.

Hab ich da gerade wirklich versucht, bei wildfremden Leuten einzubrechen?

Ich gehe eine Etage tiefer und probiere es erneut.

Und es funktioniert!!

Nachdem ich also nicht erfolgreich in die Wohnung von „I. Andersen“ eingebrochen bin, treffe ich wenige Minuten später auf den echten Anders. Der Vorfall bleibt unerwähnt – schließlich will ich meinen Ruf als seriöse Radreisende nicht gleich am ersten Abend ruinieren.

Stattdessen nimmt er mich mit auf eine Reise durch sein Sportlerleben. Er schreibt als Sport-Journalist unter anderem für die Runners World Schweden. Er lief bisher über 130 Marathons in 68 Ländern, war in allen 50 Bundesstaaten der USA am Start, hinzu kommen unzählige Radreisen auf den entferntesten Kontinenten. Nicht selten fährt er von einem zum anderen Marathon mit dem Fahrrad.

Ein beeindruckender Mensch – und irgendwie auch ein lebendiger Beweis dafür, dass Ausdauer nicht nur im Sport zählt.

 

Tag 10: Ljusdal - Alfta ( 11.8)

92,34 km

959,37 km gesamt 

Die erste Nacht meines Lebens in einem Ruderboot... Haken dahinter.
Wie man darin Tag für Tag erholsam schlafen kann , ist mir ein Rätsel aber man gewöhnt sich ja bekanntlich irgendwie und irgendwann an alles.
Und vielleicht gibt es auch eine besondere Technik, wie man dort problemlos wieder raus kommt, ohne jedesmal an den Rudern hängen zu bleiben und damit das ganze Haus zu wecken.
Ob’s dafür eine Anleitung gibt? Wahrscheinlich. Ob ich sie kenne? Definitiv nicht.

 

 

 

 

Heute startet der Tag mal wieder kühl. Ich korrigiere.. kalt!!
Beim Laufen zieht bereits leichter Nebel auf, der sich bis zum Aufbrechen in eine dicke Suppe verwandelt. Dazu 7 Grad...
Ich hoffe, dass lediglich der Kyrksjön, der kleine See des Ortes, dafür verantwortlich ist und ich nach wenigen Kilometern im ungetrübten Sonnenschein unterwegs bin.
Aber zuerst heißt es packen, Kaffee und von Anders verabschieden.

 

Nachdem ich mich bei ihm für seine Gastfreundlichkeit bedankt habt, begleitet er mich noch vor die Tür und wünscht mir weiterhin alles Gute. Ehe ich mich versehe, gibts nun auch ein Abschiedsfoto von mir. Ein wenig sonderbar aber solange ich nicht morgen auf Plakaten im Ort auftauche, ist alles gut.

Anders Tipp beherzigt, immer auf der linken und damit schöneren Seite des Flusses Ljusnan zu fahren, sehe ich von diesem NICHTS. Auch meine Hoffnung auf Sonne zerschlägt sich Kilometer für Kilometer und damit erreicht dieser Morgen eine neue Dimension von kalt. Dass mich dieses neue "kalt" eine Stunde später vor einem großen Malheur bewahrt, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

 

Ausgerechnet heute beginnt die Etappe natürlich zum ersten Mal lange flach. Wo sind die Berge, wenn man sie mal braucht?!

16 Kilometer, dann erreiche ich Järvsö und damit einen Supermarkt. Da ich sowieso was fürs Frühstück brauche, gehe ich rein.

Selbst vor den Kühlregalen ist es 10 Grad wärmer als draußen und zu meinem Glück ist hier auch ein kleines Bistro angehängt. Da ich mehr als durchgefroren bin, kann ein wenig Wärme von innen nicht schaden.
Der Cappuccino ist schnell bestellt, scheitert aber kurze Zeit später am Bezahlen.


Wo ist meine Bankkarte? Eben hatte ich sie doch noch in der Hand?

Das Durchsuchen des Rucksacks verläuft ins Leere, dann kann sie nur an der Kasse liegen. Schnell laufe ich zurück und werfe kurz einen Blick zur Ablage, auf der ich meine Sachen eingepackt hab. Und tatsächlich, dort liegt sie mutterseelenallein auf den unausgefüllten Scheinen der schwedischen Lotterie.


Der Schreckmoment saß!!

Noch größer jedoch ist die Erleichterung, als mir bewusst wird, dass es bei 15 Grad und Sonnenschein keinen Grund für einen Cappuccino gegeben hätte und ich somit erst heute Mittag in Alfta aus allen Wolken gefallen wäre.

Glück im Unglück.

 

Also weiter geht's!

Zwischen Järvsö und Bollnäs ist die Strecke, wie versprochen, wirklich sehr schön und mittlerweile hat der Nebel die wundervolle Landschaft wieder freigegeben, auch wenn sich die Sonne kurz darauf hinter den Wolken versteckt.

 

Ich erreiche  Arbrå und wünsche ich mir kurzzeitig den Nebel zurück.
Was ist in dieser Stadt bitte passiert? Ein Ort schöner als der andere, und hier hat man das Gefühl, in der Grenzregion Polens unterwegs zu sein. Ein verlassenes, heruntergekommenes Zentrum, keine Menschen, alte, aber dennoch bewohnte Häuserblöcke. Man fühlt sich hier nicht nur nicht wohl, es ist ein beklemmendes Gefühl, das einem durch den Körper geht.

Zum Glück wird es danach wieder schön, so dass dieser kleine Ausrutscher schnell in Vergessenheit gerät.

 

Frühstücksplatz:

 

Fanclub:

 

In Alfta angekommen, habe ich auch die Sonne wieder im Gesicht.

 

 

Mein Spaziergang führt mich heute noch zum Hälsingegård. Ein wunderschöner alter Gutshof, mit mehreren Gebäuden die man besichtigen kann und einen kleinen Immigranten - Museum.

 

Zurück am Campingplatz treffe ich Susan, eine deutsche Studentin aus Holland, die seit drei Wochen mit dem Rad durch Schweden fährt.
Sie schaut mich an und fragt: „Wo fährst du heute noch hin?“
Ich muss kurz überlegen, da ich glaube, die Frage nicht richtig verstanden zu haben

. „Ähm, ich komme gerade aus Ljusdal...“
„Nee, ich meine, wo willst du heute noch hin?“


Es ist 17:30 Uhr. Ich schaue auf mein Rad, dann auf die Uhr, dann wieder auf mein Rad. „Also, wahrscheinlich erstmal ins Bett. Und dann… ins Bett.“
Daraufhin erzählt Susan locker, sie startet jetzt erst und will heute noch ans Meer – 80 Kilometer. Für sie offenbar ein Spaziergang ums Eck.

Ich bin beeindruckt und verwirrt zugleich, was man mir anscheinend anmerkt.
20 Minuten später kenne ich ihren groben Plan: In einer Woche muss sie zurück nach Holland, mit dem Zug klappt es nicht, wie wir mittlerweile alle wissen, also hat sie gerade einen Flug ab Stockholm gebucht. Das war ihre heutige Beschäftigung.


„Und wie machst du das mit deinem Rad?“ frage ich neugierig.
„Ach, keine Ahnung. Darüber denke ich nach, wenn’s so weit ist.“


Ich sitze da, bewundere ihre Gelassenheit und frage mich, ob ich gerade Zeuge von Mut oder Naivität geworden bin.

 

Als sie sich verabschiedet hat, bekomme ich eine Nachricht von Anders:

 

Nicht ganz das große Begrüßungsplakat am Ortseingang, aber immerhin ein paar Zeilen in der Lokalzeitung. Ruhm in Schweden fängt eben klein an.

 

 

Tag 11: Alfta - Rättvik

103,58 km

1062,95 km gesamt 

 

Nach dem gestrigen Abend wünschte ich mir eine zweite Nacht im Boot zurück.

Eine Mutter mit ihrer Tochter, die am Nachmittag schon negativ aus allen anderen Gästen herausgestochen ist, wissen auch abends nicht, wie man sich verhält und wann mal Schluss ist. Bis weit nach 23 Uhr hielten sie nicht nur mich , sondern vermutlich auch viele andere Gäste wach.

Aber egal. Auf mich wartet ein weiterer, wunderschöner Tag.

 

Zurück in Dalarna. Zurück in Schweden , wie es im Buche steht. Die Straßen wieder verlassener, die Ortschaften beschaulicher.

 

In Rättvik am Siljansee endet mein Tag.

Trotz der Touristen, die sich am Ufer tummeln, wirkt der Ort erstaunlich entspannt – als hätte er beschlossen, sich von all dem Trubel nicht anstecken zu lassen. Rättvik hat sich seinen Charme erhalten.


Und während ich am Vasamonument sitze, sehe ich den Wellen des Siljan zu und merke, dass genau hier meine innere Landkarte wieder komplett ist.
Und wie schon im letzten Jahr frage ich mich, warum man von hier überhaupt wieder wegfahren sollte.

 

Tag 12: Rättvik - Öje (13.8)

93,40 km

1156,34 km gesamt 

 

Auch diese Nacht hatte wieder das gewisse „Etwas“. Vielleicht sollte ich mir wirklich angewöhnen, die Hüttentür abzusperren. Dann hätte ich mir zumindest den Überraschungsbesuch des Nachbarn um 22:57 Uhr erspart, der offensichtlich dachte, er wohnt jetzt bei mir.
Er und seine Familie fanden die Verwechslung recht lustig – ich eher so mittel.

 

 

 

Heute geht’s über Nusnäs und Mora zu Matthias nach Öje.
Bis Mora folge ich dem Siljansleden – einem Radweg, der so schön ist, dass man fast geneigt ist, den ganzen Tag Postkartenmotive zu sammeln.

 

 

Kaum bin ich vom Campingplatz weg, komme ich an der Kirche vorbei – und höre zum ersten Mal das Läuten einer schwedischen Kirchenglocke. Nicht dieses „Wir-wecken-das-ganze-Dorf“-Bimmeln wie in Deutschland, sondern eher ein freundliches „Falls-du-Lust-hast-kannst-du-vorbeischauen“-klingeln.

Zwei Kurven später entpuppt sich das angenehme „Glockengeläut“ als eine sich schließende Bahnschranke.
Romantik zerstört in unter 60 Sekunden.

 

Die berühmte Dalarnapferde-Manufaktur liegt ebenfalls auf dem Weg. Ich schaue sie mir natürlich an – zumindest von außen. Drinnen warten nur wunderschön bunte Pferdchen, die weder in meine Taschen noch in mein Reisebudget passen.

 

 

Frühstück gibt es heute in Mora auf den Holzdielen des Bootsstegs– Sonne, Ruhe, Wärme. 

 

Alles perfekt… bis der Gedanke an die Weiterfahrt nach Öje aufkommt.


Matthias versichert mir auch dieses Jahr wieder, dass auf dieser Straße „kaum Autos“ fahren.
Letztes Jahr hab ich ihm das geglaubt.
Danach hätte ich am liebsten eine Verkehrszählung beantragt – einfach nur, um ihm die Statistik um die Ohren zu hauen.

Aber vielleicht hab ich ja einfach nur einen falschen Tag erwischt.

 

Es dauert keine 4 Kilometer, dann bin ich aus dem Ort - und mitten im Geschehen vom letzten Jahr . Nicht nur das permanente Auf und Ab ( das ich wohl verdrängt habe), auch der Verkehr ist furchtbar. Ein Auto , Wohnmobil und vor allem LKW nach dem Anderen rast an mir vorbei .
Viele Fahrer geben mir nicht mehr Abstand, als es für einen Hauch reicht, nur wenige warten, bis die Straße frei ist. Rücksicht? Offenbar ein optionales Feature, das ich heute nicht gebucht habe. Und während ich noch darüber nachdenke, ob ich mich jetzt beschweren oder einfach akzeptieren soll, kommt auch noch der Gegenwind ins Spiel – als wolle er sicherstellen, dass ich heute definitiv keine Freude am Fahren habe.

 

 

Nach 52 Kilometern hab ich es endlich überstanden und zum Glück auch überlebt.


Der Ausblick und frischer Kaffee lassen allen Ärger schnell verfliegen.

 

Die Bootsrundfahrt mit meinem Privatkapitän über den Öjan noch einmal mehr.

 

 

Ich nutze die Chance und werfe ein wenig unnützen Ballast ab, den Matthias mit dem Auto nach Deutschland fahren darf. Und so hat man wenigstens gleich einen Grund, sich in Deutschland nicht erst ein halbes Jahr später wieder zu treffen.

Den Abend lassen wir bei wunderschönen Gesprächen, mit dem Blick auf einen glasklaren See, gemütlich ausklingen.

.

 

Und während ich morgen weiterreise, darf Matthias noch 3 Wochen an diesem wunderschönen Ort verbringen.

 

Tag 13: Öje - Torsby

105,76 km

1263,11 km gesamt 

 

Man schläft gut, in diesem kleinen Traumhaus am See. Keine ungebetenen Gäste, niemand der die Nacht zum Tag macht. Lediglich der surrende Gefrierschrank in meinem Zimmer wagt einen Versuch. Aber ein kurzer Knopfdruck reichte, dann hat auch er verstanden, dass Schlafenszeit war.

 

 

Meine Vorfreude auf die heutige Etappe? Sagen wir mal… überschaubar. Über 100 Kilometer auf derselben Straße wie gestern – die schon das zweite Mal alles andere als mein Freund war. Dazu lange Anstiege und Berge, die garantiert nicht von alleine kleiner werden. Obendrein Matthias Kommentar nach meiner Routenbeschreibung, "Oh, na dann viel Spaß", die letztendlich genauso motivierend war, wie ein Regenschauer zum Frühstück.

 

Dass ich so eine Aussage nicht einfach kommentarlos im Raum stehen lasse, versteht sich von selbst.

Klar, dass es bis Stöllet nicht schön wird und bergauf geht, wusste ich. Und dass danach das Schlimmste eigentlich vorbei sein sollte, auch. Aber was genau weiß Matthias, was ich nicht weiß?

Vielleicht hat er ja wieder so eine „wenig befahrene, ruhige“ Straße auf Lager – die Sorte, bei der man sich unterwegs fragt, wie weit man den Begriff "ruhig“ dehnen kann.


"Bis Stöllet ist die Straße breit, ähnlich wie bis Malung. Aber auf das Stück danach bis Torsby hätte ich keine Lust. Nur rauf und runter, eng, viele Kurven", so die Expertenerklärung.

Meine Meinung basiert auf eine grafischen Darstellung bei Komoot - seine auf die eigene Erfahrung von seiner Anreise am Vortag.
Und das ist der Punkt. Ich glaubs ihm - wiedermal..

 

Wie schon im letzten Jahr, gehört die Bundesstraße bis Malung am Morgen quasi mir allein – ein paar vereinzelte Autos, sonst nichts. Die Berge begleiteten mich gestern exakt bis Öje, auf den restlichen 20 km bis Malung stehen gerade mal 20 Höhenmeter auf dem Tacho.
Das klingt erstmal entspannt, wäre da nicht die kleine Randnotiz: Die heutigen 800 Höhenmeter verteilen sich auf schlanke 85 Rest -Kilometer. Bisher war’s eher umgekehrt – weniger Höhenmeter, mehr Strecke.
Und ja, ich habe durchaus Respekt vor den kommenden 4 Stunden.

 

Kaum hab ich Malung verlassen, beginnt auch schon die erste Bergetappe von 300 auf 540 Höhenmeter. Klingt als Mittelgebirgler harmlos, beim Bikepacking merkt man jedoch jedes Kilogramm an Gepäck.

Dennoch geht es überraschend gut. Die Steigung ist nicht zu flach und nicht zu steil, sodass man relativ zügig vorankommt und auch die Höhenmeter sich nicht im Zeitlupentempo summieren.

 

Und der Verkehr? Quasi kaum vorhanden. Und wenn man an solchen Stellen völlig entspannt zum Pinkeln gehen kann, dann heißt das wirklich KAUM vorhanden.

 

Ehe ich mich versehe, hab ich den höchsten Punkt erreicht. Was für ein tolles Gefühl. Aber so richtig geil ist es erst, wenn man aufs Höhenprofil schaut, sieht, dass die nächsten 20 Kilometer fast kontinuierlich bergab gehen und am Ende der Picknicktisch wartet.

 

Stöllet wäre also erreicht. Das war aber laut Matthias nur das geringere Übel.
Wenn man weiß, was noch kommt, kostet es doppelt Überwindung, den sonnigen Rastplatz zu verlassen und weiterzufahren.

Aber weiter.
Einmal über den Klärälven, eine Kurve, dann beginnt die Bergetappe 2.0.
Deutlich steiler als ab Malung aber auch hier merke ich schnell, es geht besser als gedacht. Von 150 auf 340 Meter - wäre doch gelacht. Ja, Matthias hatte Recht, die Straße wird enger und kurviger. Dann hörts aber an Zustimmung auch schon auf. Der Abschnitt ist deutlich kurzweiliger als der erste Anstieg, und ja, es geht ständig hoch und runter, aber keine Rampen sondern human.

 

Also lieber Matthias, erinnere mich bitte beim nächsten Mal daran, nicht mehr auf dich zu hören.


Aber wahrscheinlich ist die Strecke wirklich kacke. Nur habe ich mich auf das Schlimmste eingestellt und dann empfindet man kacke halt doch irgendwie als gut.

 

 

Wohlfühltemperatur 

 

 

In Torsby angekommen finde ich Unterschlupf in einem Sport - Hostel. Selten hab ich besser in einer Unterkunft gepasst als hier. 

Der Ort selbst ist nett für einen kleinen Spaziergang und für einen Zwischenstopp auf Durchreise, zumindest im Sommer.

 

Und auch hier war wieder jemand in Bademantel und Gummistiefeln am Werk .

 


Kurz darauf lerne ich in Torsby sogar wieder etwas: Nicht jedes Geräusch muss von halbstarken Jugendlichen stammen, die meinen, mit jeder Dezibelsteigerung das Dorfleben zu bereichern. Unter der Brücke jedenfalls ist keine Schlauchboot-Clique mit Bluetooth-Box unterwegs. Stattdessen spielt hier tatsächlich jedes Mal ein Lied, wenn jemand die Brücke überquert. Anfangs denke ich, das sei Zufall. Aber nach noch einmal über die Brücke zurück und wieder drüber ( die Angler hier sind sicher hocherfreut), weiß ich, das ist hier so. Irgendwie charmant – und ehrlich gesagt weniger nervig als gedacht.
Wobei… sollte ich jemals hier wohnen, würde ich wohl irgendwann auch genau wissen, bei welchem Song der Nachbar gerade nach Hause kommt.

 

 

Im Supermarkt komme ich schließlich noch mit einem ausgewanderten Deutschen ins Gespräch. Er lebt mit seiner Frau etwas außerhalb des Ortes, inmitten der Natur und könnte glücklicher nicht sein.


"Glaube an deine Träume" sind seine Worte, mit denen er sich verabschiedet , bevor sich unsere Wege wieder trennen...

 

Tag 14: Torsby - Kil

94,84 km

1356,95 km gesamt

 

Nach dem tollen und warmen Sommertag gestern, folgt Regen in der Nacht und ein extrem nebliger Morgen. Aber es ist ein passender Start in den Tag, wenn man bedenkt, wie er enden wird.

 

Die heutige Etappe geht schnurgerade in Richtung Süden, über Sunne nach Kil.

In Sunne war ich letztes Jahr bereits. 40 Kilometer sind es bis in diesen kleinen, aber sehr schönen Ort. Auf der rechten Seite des  Övre Fryken verläuft die große Hauptstraße, auf der linken Uferseite eine ruhigere und kleinere Straße.

Wahrscheinlich wäre es hier sogar sehr schön... Sieht man nur nichts davon.

 

Kurzer Supermarktstopp im Ort, dann ist's mal wieder soweit. Road to death, Teil Fünf. Ich kann mal wieder nur beten..

30 Kilometer lang. Alternative gibt es auch hier keine. Zur Ablenkung verteile ich heute mal der Situation entsprechende Gesten. Die einen sehen meine freundliche Hand des Danks,  die anderen den Mittelfinger. Letzteres gebrauche ich öfter. Dazu, wie kann es auch anders sein, nur Auf und Ab. Auf diesen Straßen fühle ich mich nicht wie auf einer Radtour, sondern wie in einem nicht enden wollenden Tempotraining.

 

 

Seit gefühlt einer halben Ewigkeit starre ich auf den Tacho und warte auf diese eine Abzweigung nach links – den rettenden Ausweg auf eine Nebenstraße.


Das Beten hilft. Ich erreiche die Kreuzung und es gibt wenige Momente, in denen ich so erleichtert und tief durchatme.

Ab jetzt wird es besser und entspannter. 17 Kilometer noch. Wie ich  mich doch auf eine Dusche und was zum Essen freue.

Dass es ab hier nur geschottert weitergeht, hab ich vermutet, ist im Vergleich zur Bundesstraße aber ein Traum.

 

 

Nur zwei Kilometer später endet die frisch gewonnene Entspannung abrupt.
Ein kurzer Ruck am Pedal, ein verdächtiges Schnappen – und dann:

Leere.

Die Frage, " Was war das jetzt"?, kommt gar nicht erst auf. Ich weiß es sofort. Dejavu.

Das Schaltseil ist gerissen!

Schon wieder!!!

Wiedermal mitten in der Einöde.

Genau das ist mir vor zwei Jahren schon passiert. Erst rechts, eine Woche später links. Manche Menschen fahren ihr Leben lang Rad, ohne jemals ein gerissenes Schaltseil zu sehen – bei mir gehört es offenbar zum festen Reiseprogramm.

Meine erste Reaktion?

Keine Panik, kein Fluchen. Einfach nur dieser eine, nüchterne Gedanke:
„Jetzt reicht's. Haken hinter Bikepacking!"

 

Nachdem das geklärt ist, kommt Gedanke 2:

Was jetzt?
Noch 15 Kilometer bis Kil – klingt erstmal machbar, wäre da nicht der kleine Umstand, dass ich nur noch im größten Gang fahren kann. MIT Gepäck.

Google muss her.
Wo ist der nächste Bikeshop?
Nicht in Kil, ätsch bätsch.
Dafür kurz vor Karlstad, 25 km weiter. Zumindest beschreibt Google es als "Fahrradladen".
Ich versuche mein Glück.

Es klingelt... Und klingelt..
Dann meldet sich Torbjörn.

Ich schildere ihm mein Problem und hoffe inständig, dass der Mensch am anderen Ende nicht nur Mitgefühl, sondern auch die Fähigkeit hat, mich aus dieser Einöde zu retten.


Ich erkläre so gut es geht, was passiert ist – was bei Fahrradteilen und technischen Begriffen am Telefon in einer nicht perfekt beherrschenden Sprache immer klingt, als würde man ein exotisches Tier beschreiben.

Irgendwie scheints dann doch zu funktionieren und somit hat er fünf Minuten später meinen Standort auf seinem Handy. Reparieren kann er es selbst nicht, sagt er, aber er kennt vielleicht jemanden.
Das „vielleicht“ ist in dem Moment das schönste Wort der Welt.

Damit er es nicht so weit hat, versuche ich ihm in der Zwischenzeit ein Stück entgegenzukommen.

3 Hügel sind es noch bis Kil. Die Anstiege muss ich schieben, bergab kann ich es rollen lassen. Und irgendwie schaffe ich es am Ende tatsächlich bis zum Supermarkt im Ort.

In dem Moment kommt eine Nachricht von Torbjörn. "Patrick ist ein Mechaniker, er ruft dich gleich an".


Und da klingelt schon das Telefon.
Was passiert ist, weiß er bereits.
Wo bist du gerade?, fragt er mich.


" Ich hab einen Fahrradladen 800 m von dir entfernt. Komm einfach vorbei."

Ist das jetzt wieder dieser Engel von 2023? Oder gibt's jedes Jahr einen neuen!?

Keine 10 Minuten später stehe ich vor ihm. 


" Ja klar kann ich dir das reparieren, es wird allerdings erst im Laufe des Tages. Ich fahre dich zu deinem Hostel und rufe später an, wenn du dein Rad wieder abholen kannst".


Und ehe ich mich versehe, sitze ich bei Patrick im Auto, bin dankbarer denn je und überlege, in welche Richtung ich nächstes Jahr fahren könnte.

 

Nach einer Dusche und frisch gestärkt spaziere ich zurück in den Ort. Das Wetter ist gut und somit ist es kein Problem, die Wartezeit draußen zu verbringen.

 

Kurz nach 5 kommt der erlösende Anruf.
" Dein Rad ist fertig, du kannst es abholen".

Und tatsächlich, alles funktioniert als wäre nie etwas gewesen. Er erklärt mir kurz, was er gemacht hat, an welcher Stelle es gerissen ist und wie man ein Schaltseil wechselt. Hinterher bin ich nicht schlauer als vorher, verstanden hab ich nur die Hälfte und auch beim nächsten Mal werde ich mir nicht selbst helfen können.

Am Ende kostet mich der ganze Spaß 700 Kronen, was umgerechnet um die 65€ sind.
Für das Geld hatte ich vor 2 Jahren beide Seiten neu.
Aber nun gut.. Letztendlich bin ich einfach nur froh und glücklich, dass er mir so schnell geholfen hat. Der Zug bis Göteborg wäre teurer gewesen.

 

Am Abend sitze ich noch ein wenig am Wasser und lasse den Tag Revue passieren. Auch heute hatte ich wieder unwahrscheinliches Glück im Unglück. Dennoch ist das Vertrauen in mein Rad weg. Warum bei mir jedesmal nach so kurzer Zeit die Schaltseile reißen, ist mir ein Rätsel.

Und wie lange das mit meinen Fahrrad - Engeln noch so funktioniert, ist auch fraglich.

 

Doch eines hat mir dieser Vorfall wieder bewiesen.. Man ist in diesem Land nicht allein.

Manchmal braucht es nur einen einzigen Menschen, um einem zu zeigen, dass man nicht verloren ist.
Jemand, der nicht fragt, warum oder wieso – sondern einfach hilft.

Ein völlig Fremder, mit dem ich noch nie ein Wort gesprochen habe, hat ohne lange zu überlegen versucht, für mich eine Lösung zu finden.
Vielleicht war es für ihn nur eine kleine Geste, für mich aber war es der Unterschied zwischen Feststecken und Weiterkommen.

Und während der Tag zu Ende geht, bleibt ein warmes Gefühl zurück: tiefe Dankbarkeit für Begegnungen, die man nicht planen kann – und die einem genau dann passieren, wenn man sie am meisten braucht.

 

 

Tag 15: Kil - Säffle (16.8)

87,56 km

1444,51 km gesamt 

 

Der Morgen beginnt versöhnlich – klar und kalt. Die Laufrunde kaschiert die Kälte noch, aber kaum sitze ich auf dem Rad, holt sie mich ein. Nach fünf Kilometern kapituliere ich und ziehe die Handschuhe über. Trotzdem liegt ein Versprechen in der Luft: es wird ein sonniger Sommertag.

 

 

Langsam muss ich in Richtung Meer. Das Fährticket ist gebucht, das Chamonix-Ticket ebenso – der Fahrplan für den Abschied steht.

Heute führt mich die Etappe nach Säffle, dorthin, wo Jonas mich vor zwei Wochen abgesetzt hat und meine Reise ihren Anfang nahm. Diesmal wähle ich eine andere Route, weiter westlich, um nicht dieselben Straßen zweimal zu sehen. Und doch stolpere ich von einem Déjà-vu ins nächste: die Bushaltestelle als Regenschutz, der Ort mit dem verunglückten Auto, der Badeplatz, der schon belegt war, die Brücke mit Blick auf das alte Holzboot – und schließlich Säffle selbst. Orte, die ich schon im letzten Jahr passiert habe und die mich nun wie kleine Wegmarken zurück begrüßen. Ein bisschen wie alte Bekannte, die man zufällig wiedersieht.
Immerhin weiß ich: heute gibt es keine Todesstraßen mehr. Das beruhigt.

 

Die Schaltung rechts läuft wieder zuverlässig und sollte bis Göteborg halten. Links bin ich weniger sicher – das Schaltseil ist gerade mal eine Woche jünger als das gerissene. Also schalte ich vorsichtiger, verzichte auf unnötige Gänge und bewege das vordere Ritzel nur, wenn es wirklich sein muss. Ein bisschen Zurückhaltung, bis ich die Fähre erreicht habe.

 

Im vergangenen Jahr bin ich bei einem ganz lieben Warmshowers -Pärchen am Rande von Säffle untergekommen. Leider nehmen sie dieses Jahr keine Radreisenden auf, dafür darf ich zu Raffael und Evi. Ihr liebevoll eingerichteter Wohnwagen, der gemütlicher nicht sein könnte, wird für eine Nacht mein Zuhause.
Die beiden haben eine zeitlang in Köln gelebt und sprechen daher gut Deutsch.

 

Vom ersten Moment an fühle ich mich wie Zuhause.
Und genau das ist es, was den Abschied von diesem Land so schwer macht. Begegnungen wie diese, die einem unvermittelt Wärme schenken, als hätte man sie schon viel länger gekannt.

 

Tag 16: Säffle - Mellerud

91,56 km

1536,07 km gesamt 

 

Die Nacht im urgemütlichen Wohnwagen war nur in meinem Kopf romantisch.

 Das Grundstück liegt etwas abgelegen und direkt am Waldrand. Ständig höre ich nachts Geräusche, die ich nicht deuten kann. Wie schön es doch sein kann, wenn eine Nacht vorbei ist.

 

Dalsland steht heute auf dem Programm – für mich gleich nach Dalarna eine der schönsten Regionen Schwedens. Komoot kündigt 90 Kilometer und 590 Höhenmeter an. Endlich mal eine Etappe, die weniger nach Quälerei klingt und mehr nach entspanntem Radtag.

 

Es geht weite Teile über den Sverigeleden und dem Dalslandleden - beides landschaftlich sehr reizvolle Radrouten.


Andere Verkehrsteilnehmer kann man heute wieder an einer Hand abzählen. Abgelegene Straßen und Sonntag - die beste Kombi.

 

Auch der Frühstücksplatz überzeugt. Direkt neben einer kleinen Schleuse mit Blick aufs Wasser, auf dem nur ein einsamer Bootsfahrer unterwegs ist.

 

Gegen Mittag zeigt mir der Tacho zufrieden an, dass die 590 Höhenmeter fast geschafft sind. Klingt beruhigend, doch die 30 Restkilometer und das dazugehörige verbleibende Höhenprofil, das zackiger nicht sein könnte, machen mich stutzig.

 

Als ich die 650 erreiche und immer noch ein gutes Stück vom Tagesziel entfernt von, ist mir endgültig klar, ich bin mal wieder Opfer der Planungs-App geworden.

In Mellerud angekommen, habe ich über 800 Höhenmetern in den Beinen. So viel wie all die anderen Tage nicht. Nur gut, dass ich das heute Morgen nicht wusste. Unwissenheit fährt sich eben einfach leichter.

 

Mellerud selbst ist immer noch so hässlich , wie vor 2 Jahren. Daher zieht es mich am Nachmittag umso mehr in Richtung Vänern.

Ein letztes Mal die Sonne am See im Inland genießen, bevor es morgen an die Küste geht.

Und als ob man mir den Abschied noch schwerer machen will,  könnte diese Seite des Vänern schöner nicht sein...

 

Tag 17: Mellerud - Henån (18.8)

96,23 km

1632,3 km gesamt

 

Wie werde ich es vermissen - diese Sonnenaufgänge über dem Wasser. Einer schöner als der andere.

 

 

Diese stillen Momente am Morgen, wenn die Welt für einen Augenblick vollkommen friedlich wirkt. Es sind Augenblicke, die bleiben, lange nachdem die Reise vorbei ist.

 

 

Noch drei Tage Meer, bevor es am Donnerstag zurück nach Deutschland geht. Wahrscheinlich war heute der letzte warme Sommertag, ab morgen soll es kühler werden.

Mein Weg führt mich heute nach Henån auf der Insel Orust. Wunderschöne Schären, kleine Fischerdörfer, zerklüftete Küsten. Doch mit der Schönheit kommt auch das, was ich die letzten Wochen so selten gespürt habe: mehr Menschen, mehr Hektik, mehr Lautstärke. Nach all den Tagen in Ruhe fühlt es sich fast ungewohnt an – und erinnert mich daran, wie sehr ich die Stille dieser Reise schätzen gelernt habe.

 

 

Heute also der zweite Versuch mit den Höhenmetern: 480 auf 95 Kilometer. Klingt harmlos, zumal die ersten 65 Kilometer fast flach verlaufen. Doch genau das macht mich skeptisch – irgendwo muss das Defizit schließlich wieder reingeholt werden.

Von Mellerud Richtung Küste wirkt die Landschaft erst einmal unscheinbar: Felder bis zum Horizont, kaum Wälder, keine Berge. Fast monoton – und doch hat es etwas. Es ist diese Art von Strecke, die keine Postkarte ziert, die man aber trotzdem im Kopf behält.

 

Bis Uddevalla geht es fast mühelos. Kein Wind, keine Steigungen, die Kilometer laufen einfach durch. Und ehe ich mich versehe, taucht plötzlich das Meer vor mir auf auf.

Dieser Moment erwischt mich jedes Mal – egal wie oft ich schon am Meer stand.

 

 

Natürlich bleibt es nicht so einfach. Mit dem Meer kommen auch Wind und Berge zurück. Die fehlenden 300 Höhenmeter verstecken sich in kurzen, knackigen Anstiegen. Aber das Panorama entschädigt sofort. Hinter jeder Kurve könnte man stehen bleiben, das Rad abstellen und einfach nur schauen.

 

Der Nachmittag ist angenehm warm, keine Wolke am Himmel. Henån selbst ist ein kleiner Touristenort.. Zwar beschaulich, aber im Hafen liegen eben keine kleinen Ruderboote mehr sondern Segelboote für den dickeren Geldbeutel. Auch die Zahl der Wohnmobile hat sich verzehnfacht.

Ein paar hundert Meter hinter dem Ort führt ein kleiner Pfad zum Wasser. Hier her hat sich zum Glück keiner verirrt.

 

Und dann sitze ich hier am Meer – mit Badesachen in der Tasche. Ein kurzer Moment, in dem ich mich ernsthaft frage, was genau mein Plan dabei war. Drei Tage vor der Heimfahrt meine bisher praktizierte Badeabstinenz zu brechen? Wohl eher nicht. Immerhin habe ich die Sachen einmal bis ans Wasser getragen. Vielleicht gilt das ja schon als Anfangserfolg.

 

 

Auch wenn ich weiß, dass mit Chamonix noch eine wunderbare Mädels -Woche auf mich wartet, drängt sich der Wehmut immer mehr in den Vordergrund.

Die letzten Tage einer Reise sind für mich immer die schwersten. Man spürt, wie sich ein Kreis langsam schließt, und gleichzeitig fragt man sich: Wo sind eigentlich all die Stunden, all die Erlebnisse, all die Begegnungen geblieben? Es fühlt sich erschreckend an, wie schnell knapp drei Wochen vergehen können.

Und so sitze ich hier, zwischen Aufbruch und Wehmut, und frage mich, wie schwer es sein wird, die Seele wieder in den Alltag zu holen

Was bleibt, sind diese Bilder, die sich unauslöschlich eingebrannt haben: die Morgenstille am Wasser, die einsamen Straßen durch die Wälder, das Gefühl von Freiheit und gleichzeitig Geborgenheit, wenn ein fremder Mensch plötzlich alles dafür tut, damit man weiterkommt. Und irgendwo dazwischen – die Momente, in denen ich nur mit mir selbst war. Diese Intensität, diese Klarheit, die man im Alltag so selten spürt.

Ja, es macht mich wehmütig, dass diese Reise bald endet. Aber noch stärker ist die Dankbarkeit für all die Kilometer, die Geschichten am Wegesrand, die Sonnenaufgänge, die sich nie wiederholen – und für die Gewissheit, dass ich etwas erlebt habe, das mich auch lange nach der Rückkehr begleiten wird.

 

Tag 18: Henån über Orust nach Stenungsön (19.8)

76,02 km

1708,32 km gesamt 

 

 Der Start in den Tag ist bewölkt, wie vorausgesagt. Mit 15 Grad dafür ungewohnt warm. Auch die Sonne geht mittlerweile schon wieder um einiges später auf. Man merkt, dass sich der Sommer langsam verabschiedet.


Heute geht es weiter bis Stenungsön, ein kleiner Ort auf einer Schäre vor der Insel Tjörn. Der direkte Weg wären nur 35 km , daher nehme ich einmal die Insel Orust mit. Hier war ich vor 3 Jahren schon einmal und die Erinnerungen sind durchweg positiv. Auch das Höhenprofil auf dieser Insel habe ich noch gut vor Augen, und das wird mich auch heute wieder nicht unbedingt schonen. Daher wird es eine eher kurze Etappe, mit nur 75 Kilometern. Das permanente Auf und Ab bin ich zwar mittlerweile gewöhnt, aber ohne Sonne sieht es ohnehin alles nicht so schön aus.

 

Vorbei geht es an Ellös zum damaligen Campingplatz in Stocken und weiter auf der Laufstrecke bis Hälleviksstrand. 

 

Schon 2022 hat mich dieser kleine Ort, mit seinen verschlungenen Gassen, kleinen und gemütlichen Häusern und dem verschlafenen Hafen verzaubert. 

 

Kurz danach sehe ich in der Ferne das, was eigentlich laut Regenradar gar nicht da sein dürfte... Regen.

Es dauert keine 10 Minuten, dann fängt es wirklich an. Zum Glück nur leichter Sprühregen, der keinen großen Schaden anrichtet. Die Landschaft wirkt dadurch allerdings trist und grau. 

 

Und ausgerechnet heute kommt ein schöner Rastplatz nach dem Anderen. Als sich der Himmel ein wenig lichtet, verschwinden jedoch auch die Sitzgelegenheiten wieder und so lande ich am Ende neben einem Fahrradunterstandshäuschen auf dem Boden. Heute auch schon egal. 

 

  Von hier sind es nur noch 10 Kilometer bis zur Fähre in Svanesund.

Pünktlich zur Abfahrt des Schiffes kommt ein heftigerer Regenschauer. Auch einer, den es gar nicht geben dürfte. Bis wir anlegen ist die Wolke zum Glück weitergezogen. Das ist mal Timing. Die Straßen sind zwar nass aber das Ende ist ja in Sicht.

 

Auf dem Campingplatz fühlt es sich plötzlich ganz anders an: Statt Schweden fast nur noch Deutsche. Und man merkt es sofort. Da wird mit ernster Miene über den Platz patrouilliert, alles kritisch beäugt, aber kein einziges „Hej“ oder „Hallo“ über die Lippen gebracht. Ich frage mich ernsthaft, ob das schon die erste vorsichtige Eingewöhnung zurück in den deutschen Alltag ist.

 

 

Zeit für mich, noch einmal zu verschwinden. Nach kurzen Anlaufschwierigkeiten hat sich nämlich nun auch die Sonne wieder durchgekämpft, als wolle sie mir zeigen, dass es noch ein paar schöne Stunden für mich gibt.

 

Diese kleine Insel fühlt sich an wie ein würdiger Abschluss dieser Reise. Versteckte Buchten, in denen keine Menschenseele zu sehen ist. Schmale Pfade, die sich zwischen Felsen und Bäumen hindurchschlängeln. Das leise Plätschern des Wassers am Badesteg. Nichts Spektakuläres, nichts Lautes – aber genau das, was dieser Tag zum Ende hin gebraucht hat.

 

Tag 19: Rundfahrt über Tjörn (20.8)

67,63 km

1775,95 km gesamt 

Der letzte volle Tag bricht an und könnte den Abschied schwerer nicht machen.

 

Da ich nur noch um die 50 Kilometer von Göteborg entfernt bin, bleibe ich eine weitere Nacht in Stenungsön und erkunde heute ohne Gepäck die Insel Tjörn.

Schon bei meiner Laufrunde am Morgen wird deutlich, dass mittlerweile jede Minute in diesem wundervollen Land zählt. Statt der üblichen 10 , stehen am Ende 17 km auf der Uhr.

 

 

Die Nacht war klar, keine Wolke kommt dem Sonnenaufgang in die Quere. Das Ergebnis sind wieder Temperaturen jenseits meiner Wohlfühlzone und so starte ich eben wieder mit Handschuhen.


Um die vergangenen 3 Jahre mal grob zusammenzufassen:
2023 - viel Regen und immer nass
2024 - viel Sonnenschein und immer windig
2025 - noch mehr Sonnenschein und viele kalte Morgenstunden

Damit sind eigentlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Geht's dann 2026 wieder von vorne los? Oder fehlt noch die viel Regen und viel Wind sowie die viel Regen und Kälte Konstellation ?

Nur gut, dass man das vorher nicht weiß.

 

Es dauert zum Glück nicht lange, bis die Handschuhe wieder im Rucksack verschwinden – die Wärme der Sonne hat sich durchgesetzt. Und so radle ich los, frei von Ballast und mit der Lust, einfach mal den Radwegschildern zu folgen, ohne groß zu planen. Tjörn zeigt sich dabei von einer Seite, die fast schon Bilderbuchcharakter hat: kleine, verschlungene Wege, die zwischen Pferdekoppeln, weißen Zäunen und hübschen Häuschen hindurchführen. Dahinter immer wieder diese atemberaubenden Blicke hinaus auf die Schären.

 

Einige Kilometer weiter kommt dann der Beweis, den ich schon lange gesucht habe: Der kleine Onkel, das berühmte Pferd von Pippi Langstrumpf, lebt tatsächlich in Schweden! Dieses Exemplar auf der Koppel räumt jeden Zweifel aus. Und der Gedanke, dass diese Nachricht schon bald in Deutschland bei Anna für Begeisterung sorgt, macht die Freude noch größer.

 

 

Kurz darauf komme ich durch Skärhamn. Statt der typischen roten Holzhäuser tauchen hier weiße Fassaden auf – typisch für die Westküste und Bohuslän. Nicht weniger schön als die roten Holzhäuser im Landesinneren, aber ganz anders. Man spürt, dass der Tourismus hier seine Spuren hinterlassen hat, auch wenn es am Vormittag noch angenehm ruhig bleibt.

 

 

Mein Herz aber verliere ich ein Stück weiter, in Klädesholmen. Ein winziger Ort, der so verschlafen wirkt, als hätte er sich der Zeit verweigert. Keine Hotels, keine Läden, nur weiße Häuschen, die sich eng aneinander und an die Felsen schmiegen. Es ist einer dieser Orte, an denen man sofort spürt: Hier lohnt es sich, noch einmal zurückzukehren. Und genau das nehme ich mir für den Nachmittag vor – dann jedoch zu Fuß, in aller Ruhe.

 

Die Rückfahrt auf der Südseite der Insel zeigt dann noch einmal die weniger romantische Seite von Tjörn. Nebenstraßen gibt es kaum, und so rolle ich im Verkehrsstrom der Hauptstraße mit. Nach all den Situationen der letzten Wochen, in denen es wirklich eng oder sogar gefährlich wurde, wirkt das hier fast harmlos – was für eine absurde Art von Entspannung.

Zurück am Campingplatz tausche ich das Rad gegen den Rucksack und gönne mir einen Perspektivwechsel. Mit dem Bus dauert es knapp eine Stunde, bis ich wieder in Klädesholmen bin. Eine Stunde, die wie im Flug vergeht, weil draußen eine Landschaft vorbeizieht, bei der man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll.

In Klädesholmen angekommen, nehme ich mir die Zeit, die ich am Vormittag vermisst habe. Zu Fuß durchstreife ich die engen, verwinkelten Gassen, bleibe hier und da stehen, genieße die Häuser und die Nähe zum Meer. Entgegen meiner Befürchtung herrscht auch am Nachmittag keine Hektik, keine Menschenmassen. Ein paar wenige Touristen sind unterwegs, aber sie gehen beinahe im Bild dieses Ortes unter. Alles bleibt ruhig, fast unberührt.

 

Ein weiteres Stück Schweden, dass sich in die Erinnerungen gebrannt hat. 

 

Als der Bus zurück schließlich mit einer Viertelstunde Verspätung angezeigt wird, überwiegt die Freude statt der Frust. Fünfzehn Minuten mehr auf dieser kleinen Landzunge – fünfzehn Minuten mehr Schweden.

Also setze setze ich mich an den Badeplatz, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und sehe den Kindern beim Baden zu. Ein Bild von Leichtigkeit und Unbeschwertheit, das perfekt zu diesem Ort passt –

 

Am Abend heißt es umpacken. Alles so sortieren, dass ich morgen für die Fähre nicht lange suchen muss und alles beieinander hab.

 

 

Bevor die Sonne endgültig hinter den Wolken verschwindet, setze ich mich noch einmal ans Wasser. Ich sauge die letzten schwedischen Sonnenstrahlen auf, so als könnte ich sie in mir speichern und mit nach Hause nehmen.

Diese letzten Abende eines Urlaubs. Die letzte Abende einer Zeit in Schweden - Ja, die haben ihre ganz eigene Schwere. Gerade hier ist es immer derselbe Gedanke: „Wenn ich jetzt aufstehe und gehe, dann war’s das. Dann heißt es wieder warten. Tage, Wochen, bis ich wieder zurückkehren kann.“

Und doch kommt irgendwann der Moment, an dem man aufstehen muss. Ein letzter Blick, ein letztes Plätschern der Wellen – und dann heißt es gehen. Es ist nur ein Abschied auf Zeit, und trotzdem fällt er jedes Jahr unbeschreiblich schwer.

 

 

Finish nach 20 Tagen: Stenungsön - Göteborg 

76,83 km

1855,78 km gesamt

15.000 Höhenmeter 

 

 

Heute ist er gekommen – der Tag des Abschieds.
Der Tag der letzten Etappe bis zur Fähre.
Der Tag, an dem ich mich wieder frage: Wo bitte sind die letzten Wochen geblieben? Ich bin doch gerade erst hier von Bord gegangen. Aber ein paar Stunden bleiben mir noch.


Der Morgen beginnt wie ein Déjà-vu – kalt, regnerisch. Genau dieses Wetter hatte ich auf den Tag genau vor einem Jahr auf dem Weg nach Göteborg. Ein Zufall? Vielleicht soll es so sein, um den Abschied ein wenig leichter zu machen.

Trotzdem schnüre ich noch einmal die Laufschuhe. Der Gedanke, klitschnass zurückzukommen, kostet Überwindung. Aber ich weiß: wenn ich es nicht tue, werde ich es bereuen.
Also noch einmal am Wasser entlang, noch einmal über die kleinen Waldpfade, noch ein letzter Blick von der Brücke.

Und am Ende hat es sich gelohnt – auch wenn ich diese „ein letztes Mal“-Momente so sehr hasse.

 

 

Beim Packen wirken die Taschen ungewohnt leer. Die Regenklamotten liegen griffbereit im Rucksack, die Jacke habe ich längst an. Und zwischen all dem bleibt Platz – für süße, schwedische Erinnerungen, die mit nach Hause dürfen.

Und doch weiß ich: das Wichtigste passt in keine Tasche.

 

Zwischen 60 und 70 Kilometer werden es bis Göteborg sein. Die Strecke plane ich heute ein wenig anders als letztes Jahr und merke schon nach kurzer Zeit, dass es die richtige Entscheidung war. Abseits der Hauptverbindungsstraße zeigt sich die Landschaft nochmal von ihrer schönen Seite. Das Thermometer gibt sich jedoch keine Mühe. 8 Grad.

 

 

Nach 28 Kilometern wirft die Satellitenkarte plötzlich ein dunkles Szenario auf: Wolkenbruch in Sicht. Mist. Ausgerechnet jetzt, wo keine Bushaltestelle in Reichweite ist. Oder besser gesagt: Bushaltestellen schon, eine nach der anderen – nur eben ohne das, was man gerade bräuchte: einen Unterstand.

 

 

Drei Kilometer später habe ich Glück. Kurz bevor es richtig losgeht, taucht tatsächlich ein kleines Häuschen auf, als hätte es nur auf mich gewartet. Ich setze mich hinein, wohl wissend, dass es nicht besser wird, wenn man einmal sitzt und auskühlt. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man seine Prinzipien vergisst – und so ziehe ich tatsächlich die Daunenjacke aus den tiefsten Tiefen des Packsacks. Ein Kleidungsstück, von dem ich dachte, es würde die gesamte Reise unberührt bleiben.

Und irgendwie haben meine Radtouren in Schweden ja genau mit diesen kleinen Häuschen begonnen. Sie prägen meine Reisen. Und gerade hier in dieser Gegend ist es fast schon verwunderlich, wenn ich eine  erwische,  in der ich 2023 noch nicht saß.

 

Der nächste Bus lässt natürlich nicht lange auf sich warten. Er meint es gut, hält an, ich winke ihn aber weiter.

Wenigstens der Wind ist gnädig und weht ordentlich aus dem Norden. Bis Göteborg bleibt es anschließend zum Glück trocken.

 

 

Den Tacho schalte ich aus, in Göteborg kenne ich mich mittlerweile auch ohne Karte aus. So viele tolle Tage habe ich hier schon verbracht. Und so schließt sich auch der Kreis wieder. Mit der Begegnung mit Matthew vor 2 Jahren hat so vieles begonnen.. Und auch deshalb führt mich mein Weg immer wieder hier her zurück.

Noch ein kurzer Stopp beim Supermarkt, der ein hohes Maß an Disziplin erfordert. Wie gerne würde ich die Tasche mit all meinen Lieblingssachen füllen. Aber ich bleibe vernünftig.


Danach fahre ich weiter zur Universität und gleichzeitig Matthews Arbeitsstelle. Seit 3 Wochen fahre ich sein T-Shirt durch Schweden, welches er im Juli bei mir vergessen hat. Einmal quer durch Mittelschweden als blinder Passagier. Wird Zeit, dass er es zurückbekommt.

Danach geht es zum Fähranleger. Alles Herauszögern bringt nichts, außerdem ist es kalt.

In der Warteschlange treffe ich schließlich eine andere Bikepacker -Familie und bin schwer beeindruckt. Im nächsten Leben dann SO:

 

 

Fahrräder dürfen zum Glück wieder als erstes an Bord. Ein Privileg , dass ich genieße.

Während wir unsere Räder festbinden, kommt wieder einmal die Frage der Fragen: Sperrt man sein Rad auf einer Fähre ab oder nicht? Realistisch gesehen: Wo will man damit hin? Selbst wenn man es einfach nur im Meer versenken will - auf dem Autodeck geht das schlichtweg nicht.

 

Die nächste Frage stellt sich in der Kabine.

Kann man mit einem Gaskocher das Alarmsystem der Fähre auslösen?
Die Vorstellung, mitten auf der Ostsee die Evakuierung einzuleiten, nur weil ich mir einen Kaffee machen will, ist nicht unbedingt so berauschend.

 

Nachdem alle an Bord sind, ist diese Reise nun endgültig vorbei...

Langsam und gemächlich gleitet unser Schiff aus der Bucht von Göteborg. Auch heute wieder begleitet von sentimentaler Live Musik, die die Schwere des Abschieds noch unterstreicht. Und auch heute stehe ich wieder an der Reling, die Häuser ziehen vorbei, die Silhouette der Küste von Schweden wird immer kleiner.

Und dabei versuche ich die feuchten Augen irgendwie im Zaum zu halten...

 

Schlussworte

 

Jetzt, am Ende dieser Reise, bleibt vor allem eines: ein Herz voller Erinnerungen. Nicht nur an die unzähligen Kilometer, die ich zurückgelegt habe, sondern an all die kleinen und großen Momente, die mich unterwegs begleitet haben.
Die atemberaubenden Landschaften, die Stille der Seen, die Weite der Wälder – Bilder, die sich für immer eingebrannt haben.

Der Anfang war wettertechnisch etwas holprig, hat sich aber nach zwei Tagen gefangen und was danach kam, hat das vergangene Jahr nochmal deutlich übertroffen. Das komplette Regenequipment hab ich danach nicht einmal mehr anrühren müssen ( heute ausgenommen). Die Nächte waren kalt, ja, aber damit arrangiert man sich.
Das gerissene Schaltseil in der Mitte war ein kurzer Dämpfer. Was das sollte ? Keine Ahnung. Vielleicht ein Warnschuss, dass ich es bei nächsten Mal vielleicht vorher doch nicht ganz so locker sehen sollte.

 

 

Am Ende sind es aber nicht nur die schönen Aussichten und die unbeschreiblichen Landschaften, die bleiben. Es sind auch die Begegnungen mit fremden Menschen, die plötzlich zu Helfern, Weggefährten oder Freunden auf Zeit geworden sind. Es sind die unvorhersehbaren Wendungen, die Pannen, die Frustrationen und das Gefühl, immer wieder aufs Neue über mich selbst hinauszuwachsen.

Vor allem aber war es eine intensive Zeit mit mir selbst. Stunden, Tage, manchmal ganze Etappen, in denen nur das eigene Atmen, das Surren der Reifen und die Gedanken im Kopf da waren. Eine Nähe zu mir selbst, die im Alltag oft verloren geht – hier draußen war sie allgegenwärtig.

 

 

Diese Reise war mehr als nur ein Weg von A nach B. Sie war ein Erinnerungsalbum, das ich nie wieder zuklappen werde. Eine Sammlung von Eindrücken, Gefühlen und Begegnungen, die mich wieder ein Stück weit verändert haben und die ich dankbar mit nach Hause nehme.

Und so endet zwar die Fahrt, aber nicht die Reise. Denn das, was bleibt, ist stärker als jeder Kilometer: das Gefühl, lebendig zu sein.

 

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